Kohleabhängiges Indien peilt sonnige Zukunft an

Indien hat ein sehr ambitioniertes Ziel: In zehn Jahren will das Land seinen Strom mehrheitlich aus erneuerbaren Quellen beziehen. Gleichzeitig soll die Kohleproduktion verdoppelt werden - ein scheinbarer Widerspruch. Und Donald Trump ärgert sich.

Kohleabhängiges Indien peilt sonnige Zukunft an

Neu Delhi (dpa) - Mit einem Geräusch wie bei einem herunterfahrenden Computer gehen in einem Wohnblock Neu Delhis alle Lichter aus. Für viele der 25 Millionen Bewohner von Indiens Hauptstadt-Region ist das im Sommer eine beinahe alltägliche Erfahrung. Bei oft deutlich mehr als 40 Grad Celsius ist das veraltete Stromnetz mit den unzähligen Klimaanlagen überfordert, die die Wohnungen der wachsenden Mittelschicht kühlen.

«Bei mir zuhause fängt die Stromspannung ab 21.00 Uhr an zu schwanken, also habe ich mir einen Stabilisator angeschafft», erzählt Sanjay Vashist, der für den internationalen Umweltdachverband Climate Action Network in Indien arbeitet.

Dass die Infrastruktur modernisiert werden muss, sieht jeder, der auf den Straßen Delhis zu den Strommasten mit zu Gordischen Knoten verhedderten Leitungen hinaufschaut. Das sei auch eine Gelegenheit, von Kohle- auf Solarkraft umzusteigen, meint Vashist. Letztere setze sich dank stark gesunkener Kosten immer mehr durch.

Tatsächlich sind in Delhi hier und da Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern zu sehen. Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ging im September der damals leistungsstärkste Solarpark der Welt in Betrieb.

Indien lag laut einem neuen Bericht der Umweltorganisation Climate Transparency im Vergleichsjahr 2014 mit einem Anteil erneuerbarer Energiequellen von neun Prozent über dem Durchschnitt der G20-Länder. Doch das soll erst der Anfang sein. Gemäß dem «Nationalen Elektrizitätsplan» der Regierung sollen bis 2027 in Indien 57 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. Das übertrifft deutlich die im Pariser Klimaschutzabkommen zugesagten 40 Prozent bis 2030.

Heute werden in Indien jedoch nach offiziellen Zahlen noch rund 78 Prozent der Energie in kohlebetriebenen Wärmekraftwerken erzeugt. Die Regierung hat dem staatlichen Bergbauunternehmen Coal India zudem vor drei Jahren das Ziel vorgegeben, die jährliche Fördermenge bis zum Geschäftsjahr 2019-2020 auf 1000 Megatonnen zu verdoppeln.

Indien stößt nach China und den USA die weltweit drittgrößte Menge an Treibhausgasen aus. Die Wirtschaft des Landes mit rund 1,3 Milliarden Einwohnern wächst rasant - und mit ihr der Energiebedarf.

«Indien darf seine Kohleproduktion verdoppeln», sagte US-Präsident Donald Trump am 1. Juni im Rosengarten des Weißen Hauses, als er den Austritt seines Landes aus dem Pariser Abkommen ankündigte. «Wir sollen unsere abschaffen.» Das sei ungerecht.

Die Fördermenge werde allerdings ohne neue Kraftwerke verdoppelt - außer denen, die vor der Ratifizierung des Paris-Abkommens bewilligt worden seien, sagt Ajay Mathur, Chef des indischen Thinktanks TERI, der Deutschen Presse-Agentur. Das funktioniere deshalb, weil die bestehenden Kohlekraftwerke erst in zehn Jahren ihre Höchstkapazität erreichten.

Mathur ist Mitglied des Klimarates der Regierung und war bis 2016 zehn Jahre lang Chef des staatlichen Büros für Energieeffizienz. Er sieht sein Land auf einem guten Weg in die grüne Zukunft. «Solarstrom ist jetzt schon billiger als Strom aus Kohlekraft», sagt er. Mathur hebt hervor, dass Indien zudem mit Krediten der deutschen Förderbank KfW Erneuerbare-Energien-Kraftwerke an das Stromnetz anbindet.

Das Problem der Stromausfälle werde zumindest in der Hauptstadt durch den Austausch veralteter Trafos und Leitungen nach und nach gelöst, berichtet er. Zugleich hätten allerdings etwa 250 bis 300 Millionen Inder in ländlichen Gegenden überhaupt keinen Stromzugang. Auch hier ist Mathur Optimist: Der Anteil der Haushalte ohne Strom sei seit 2005 bereits von 40 Prozent auf rund 20 Prozent gesunken. «Ich denke, dass die Anbindung in den nächsten drei Jahren auf 97 bis 98 Prozent steigen wird.»

Der deutsche Klimapolitik-Experte Niklas Höhne, Co-Autor der Studie von Climate Transparency, betont: «Gerade bei der Elektrifizierung im ländlichen Raum haben die erneuerbaren Energien große wirtschaftliche Vorteile.» Man müsse dafür keine Kraftwerke bauen. «Wenn das mit Erneuerbaren geschafft wird», sagt Höhne über den Stromzugang auf dem Land, «dann geht Klimaschutz mit Entwicklungsfortschritt einher, und das wäre sicherlich ein sehr schönes Signal».

Letztlich werden nach Ansicht von Mathur finanzielle Faktoren entscheiden, ob sich Indien aus der Kohleabhängigkeit lösen kann. Das sieht auch Höhne so. Er plädiert für Bürgschaften, die von ausländischen Regierungen gestützt werden.

Eine Studie des von Höhne mitgegründeten NewClimate Institute und der Allianz-Versicherung hat Indien sehr gute energiepolitische Maßnahmen sowie ein stabiles politisches Umfeld attestiert - und es zugleich als das Land mit dem höchsten Bedarf an Investitionen identifiziert. «Aber die generellen ökonomischen Bedingungen sind in Indien noch so schlecht, dass sie Investoren abschrecken.»



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