Dossier-Analyse (2019-05)

ENDE DER WERTE?

Dossier-Analyse (2019-05)

ENDE DER WERTE?

Vergangene Woche hatten wir darauf hingewiesen, dass die Werte erodieren sowie Begriffe wie Prinzipien, Tugend, Teilen, Gerechtigkeit fast in Vergessenheit geraten sind und gesagt, dass es angebracht wäre, diese Zeit als „Ende der Werte“ (the end of values) zu bezeichnen. Zudem hatten wir darauf verwiesen, dass mit der Vogelperspektive in die Welt zu blicken völlig ausreicht, wie weit die Werte erodiert sind. Darüber hinaus hatten wir die negativen Entwicklungen im Zusammenhang mit den Werten in der UN und EU hingewiesen. Machen wir diese Woche dort weiter, wo wir aufgehört haben.

 Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

USA

Noch vor kurzem galten die USA als ein Land der Träume (american dream). Die amerikanische Lebensweise (American way of Life) war fast in allen Ländern Mode. Wenn heute eine Meinungsumfrage zu den USA durchgeführt wäre, so wäre das Land auf dem tiefsten Stand in seiner Geschichte. Heute lässt man lediglich 5.000 (Fünftausend) lateinamerikanische Migranten seit Monaten vor der US-Grenze warten.

Während Länder wie die Türkei, der Libanon oder Jordanien manchmal das Vielfache an Flüchtlingen in einer Nacht aufnehmen, sind die USA gegenwärtig ein Land, das die meisten Flüchtlinge vor seiner Grenze warten lässt. Was noch schlimmer ist, dass eines der reichsten Länder der Welt, gegen die Flüchtlinge keine andere Lösung finden kann, als gegen sie wie die Berliner Mauer eine Mauer zu errichten oder die Armee gegen sie einzusetzen.  Wenn aber der ganze Aufwand für die Lösung des Flüchtlingsproblems genutzt worden wäre, so würde vielleicht ein noch geringerer  Aufwand erforderlich. Die gegenwärtige US-Führung denkt ohne darauf zu achten, ob es legal ist oder nicht, nur auf die eigenen Interessen ausgerichtet, mit dem Diskurs „First America“ aus allen internationalen Verträgen auszusteigen. Die ganze Welt ist über den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimavertrag und dem Austritt aus der UNESCO sehr besorgt. Die Aussage von US-Präsident Donald Trump bei der letzten UNO-Vollversammlung „Wir sind gegen die Globalisierungsidee“ könnte noch vor ein paar Jahren von einem Staatschef aus der Dritten Welt oder von einem Ideologen stammen. Niemand konnte sich vorstellen, dass ein US-Präsident so etwas sagt. Der heutige Zustand des Westens, die USA miteinbegriffen ist nicht viel anders als die Geschichte der westlichen Zivilisation, die auf der einen Seite den Anschein gibt, sich für Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Freiheiten einzusetzen, aber wenn es nicht passt, die Psalmen im Alten Testament anders auszulegen.

China-Russland

China und Russland befinden sich nicht unter den Ländern, die im vergangenen Jahrhundert, Standards hervorbrachten und gemeinsame globale Werte produzierten. Doch damit ist China ein Land, das sich schnell entwickelt. Beide Länder sind in der globalen Politik einflussreich. Zudem sind beide Vetomächte.

Da diese beiden Länder keine offenen Gesellschaften sind, sind ihre Praktiken in der Innenpolitik von der internationalen Gemeinschaft nicht ganz bekannt.

Islamische Welt

Auch die islamischen Länder befinden sich nicht unter den Staaten, die im vergangenen Jahrhundert, Standards hervorbrachten und gemeinsame globale Werte produzierten. Seien sie laizistisch, monarchisch oder ein Scheria-Staat, wie sie sich auch definieren mögen, fallen diese Länder unter die demokratische, autoritäre und totalitäre Führung. Insbesondere bei Betrachtung in den Nahen Osten, sind die Regierten nicht zufrieden über die Regierenden. Sie danken ihre Regierungen nicht dem Volk, das sie regieren, sondern erheblich den globalen Akteuren, was diese Akteure ganz offen zum Ausdruck bringen. Wenn auch die einzigen Verantwortlichen nicht sie selbst sind, sind einige Länder des Nahen Ostens in der bittersten Lage ihrer Geschichte. Die Menschen in diesen Ländern versuchen auf Kosten ihres Lebens zu fliehen. Lassen wir mal Werteproduzieren ganz außen vor,  sind viele der Länder im Nahen Osten in Bemühung, gegen alle Werte trotzend, ihre Regierungen zu führen.

Das Ende der Vernunft der Aufklärung: Von Frankenstein zur künstlichen Intelligenz

Das von der britischen Schriftstellerin Mary Shelley im Jahre 1818 noch im Alter von 18 Jahren verfasste Werk „Frankenstein“ kann weit über einen Roman hinaus, auch als die Schlussfolgerung einer Vernunft definiert werden, die sich von Tradition, Religion abgekoppelt und der gründenden Rationalität der Aufklärung sowie dem Säkularismus und Positivismus ergeben hat.

Heute  möchte die gleiche aufklärerische Vernunft die künstliche Intelligenz oder den künstlichen Menschen produzieren. In was für eine Katastrophe die Menschheit und das Universum von der überhaupt keine Werte und Tugenden tragenden aufklärerischen Vernunft beim Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt wurde, kann die Menschheit bezeugen. Wohin könnte eine Menschheit mit künstlicher Intelligenz, die von allen Werten befreit, nur einer mechanischen Macht und Entwicklung sensibel und viel stärker als biologische Menschen ist und sie kontrollieren kann, die Welt hinführen? Es scheint so, dass die Menschen ihr Ende selbst bereiten werden.

Hedonistischer Mensch

Nachdem Ideologien, Religionen und Institutionen immer mehr die Hoffnung herunterzogen,  haben Aufklärungen,  Säkularisierung sowie die Entwicklungen in der Kommunikation und Informatik dazu geführt, dass noch mehr Menschen zu Hedonisten wurden. Wie es bei den Jugendlichen noch mehr zu beobachten ist, steigt die Zahl derer, die nur hinter Lust sind. Die von den Menschen angerichteten Schäden, die mit ihren Familien, Freunden sowie mit der Natur, Tieren und anderen Lebewesen nur auf Lust ausgerichtete Beziehungen aufbauen, sind jetzt schon beängstigend. Wenn sie sich zu einem Wesen verwandeln, dass überhaupt keine Werte trägt und nur hinter der Lust rennt, wird sie sich womöglich in ein Wesen verwandeln, das man nicht mehr als einen Menschen bezeichnen kann. Ausgehend davon, was bislang ausgeführt wurde, kann zum Ausdruck gebracht werden, dass im Zusammenhang mit den organisierten Strukturen wie bei Staaten und Institutionen man von Werteverlust reden kann.  Wenn es auch negative Entwicklung gibt, wie wir es oben ausgeführt haben, kann vorgehalten werden, dass die Individuen, nicht unter Mega-Identitäten, großen Ideologien, internationalen Institutionen oder Staaten, sondern unabhängig von all diesen, größtenteils weiterhin eine Sorge im Zusammenhang mit Werten oder Tugenden tragen. Ja, die Individuen ohne Organisation, können noch mehr Werte tragen. Aus Sicht des Potentials des Wertebesitzes können wir noch mehr Hoffnung bezüglich nicht organisierte Strukturen tragen. Doch zu wissen, dass die Welt vielmehr von organisierten Strukturen geformt wird, hindert uns daran, noch mehr Hoffnung zu tragen. Wenn wir Menschen gemeinsam keinen Weg zum Stopp des Prozesses, der das Ende der Werte bereiten könnte, finden, nahen wir uns dem tragischen Ende, das wir gemeinsam bereitet haben.



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