Globale Perspektive (2018-49)

Die Sprache der Proteste, Opposition, Regierung

Globale Perspektive (2018-49)

Die Epoche der Globalisierung, in der wir leben, verändert unser Leben in vieler Hinsicht. Die in der Vergangenheit mehrere Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Veränderungen, können nun in sehr kurzer Zeit verwirklicht werden. Der Soziologe David Harvey bezeichnet diesen Umstand als auch „Verengung der Zeit und des Ortes.“

In dieser Zeit geschehen Vorfälle, Beziehungen, Veränderungen und Wandlungen sehr schnell, so dass den Menschen dadurch schwindelig wird. Weite Geographien rücken näher und nahe entfernen sich. Die vorher nicht gekannten Sachen werden bewusster und die vorher gekannten unbewusster. Wie es Ortega Gasset  auch sagt, „Fortschrittliche Zivilisation ist ein schwieriges Problem.“

Je mehr der Fortschritt, umso mehr die Gefahr. Das Leben wird immer besser, schöner aber auf der anderen Seite aber ein bisschen komplexer und schwieriger.

Eine diesbezügliche Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Der Punkt, worauf ich zu sprechen kommen möchte, ist, mit was für einer Sprache oder einem Diskurs die im Gegensatz zu traditionellen Zeiten gezwungenermaßen mit sehr unterschiedlichen Identitäten, Kulturen, Institutionen, Organisationen zusammenlebenden Individuen mit den Gruppen, Behörden, Staaten kommunizieren sollten. 

Denn das Verlorengehen von traditionellen Beziehungen, vielseitige Komplexitäten im Leben sowie sich das Aufhalten mit unterschiedlichen Identitäten im gleichen Umfeld erhöhen die Ungewissheiten.  Einer der Gründe für Ausgrenzung, Hass, Diskriminierung im globalen Maß sind die Ungewissheiten, mit denen man konfrontiert ist. Eigentlich ist die Sprache oder die Positionierung auch in normalen Zeiten wichtig. Doch in Zeiten der Ungewissheit sind Art, Sprache und Positionierung gegen andere bei der Formierung der Beziehungen zwischen Individuen, Gruppen, Behörden und Staaten viel wirkungsvoller. Viele Dinge, die in normalen Zeiten tolerierbar sind, können in Zeiten der Ungewissheit zu ernsthaften Sorgen führen.

Was für eine Sprache/Diskurs/Positionierung: Protest, Opposition, Regierung?

Was für eine Sprache oder einen Diskurs müssen wir als Individuen, Gesellschaften, Organisationen, Staaten mit unserem Umfeld, uns ähnelnden oder von uns unterscheidenden wählen? Die Antwort auf diese Frage sind insofern wichtig, als dass wir den von uns nicht genehmigten Haltungen oder Diskursen einen Sinn geben können.  In folgenden Zeilen werde ich auf dieses Problem im Zusammenhang mit den Individuen zu sprechen kommen. Doch die dargelegte Perspektive ist hinsichtlich der Gesellschaften, Organisationen, zwischenstaatlichen Beziehungen im gewisser Hinsicht erklärend. Was für eine Positionierung sollte bei den zwischenmenschlichen Beziehungen sein? Wird man dabei permanent eine reaktionäre Sprache oder einen Diskurs verwenden? Werden sie dauerhaft einen kritisierenden Stil nutzen und als „Herr Opposition“ bleiben? Oder werden sie, wer es auch sein mag, eine Beziehung des Aufbaus (Regierungssprache) verwenden? Was ich sagen möchte, werde ich anhand einer Sitzung erklären, an der ich teilnahm. Ich war an einer Organisation eingeladen, an der ehemalige Minister, Abgeordnete, Meinungsführer der islamischen Welt teilnahmen.

Die Sitzung fand in einem Hotel statt und war für  die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Doch die Reden waren sehr hitzig. Jeder Teilnehmer hielt vor dem Pult in arabischer Sprache hitzige Reden und schwor auf alles.  Die Zuhörer waren sehr begeistert von den Reden. Als ich an der Reihe war, hielt ich folgende Rede: Ja, die islamische Welt hat sehr bittere und ernsthafte Probleme. Doch es ist eine geschlossene Sitzung. Wir sollten die Probleme nüchtern angehen und versuchen Lösungen zu finden.“

Wie sie sich vorstellen können, war meine zur Besonnenheit aufrufende Rede unter den sehr hitzigen Auftritten, eine die den wenigsten Beifall bekam. Doch damit hat diese Sitzung mir zwei Typen von Redearten, drei Positionierungen gelehrt. Die erste Sprache/Diskurs/Positionierung war die Straßen- oder Protestsprache oder der Diskurs. Die Straßensprache, die man ab und an nutzen sollte, ist eine sehr wirkungsvolle Sprache. Manchmal können Kundgebungen, Demonstrationen oder Proteste sehr wirkungsvoll sein, um das Ziel zu erreichen. Wie es am 15. Juli der Fall war, kann manchmal mit keiner Methode zu übermittelnde Botschaft oder Haltung mit der Sprache der Menschen auf der Straße gegeben werden. Doch die Sprache ist dann wirkungsvoll, wenn man sie am richtigen Ort einsetzt. Mit einer immer auf die Straße rufenden Sprache können keine dauerhaften Beziehungen/Systeme aufgebaut werden. Es kann keine kulturelle Tiefe oder kein zivilisierter Reichtum aufgebaut werden. Die Sprache bei der von mir erwähnten Sitzung war die der Proteste.

Die zweite ist die Sprache der Opposition. Diese Sprache ist dahingehend zu erklären, dass sie innerhalb des Systems, ohne etwas aufbauen zu wollen, nur die Regierung, Verwaltung oder die Menschen in ihrer Umgebung in Verwaltungsfunktion kritisiert. Die bei Freundschaftsbeziehungen, in Behörden permanent nörgelnden und ohne eine Lösung vorzuschlagenden dauerhaft kritisierenden politischen Parteien können als Beispiel gegeben werden.

Nur kritisierende Haltungen können sich von nicht funktionalen Kritiken bis hin zu zerstörenden Kritiken ausdehnen. Wenn jedoch den Kritiken Lösungsvorschläge folgen oder diese konstruktiv sind, können sie sowohl die Personen als auch die Institutionen aufbauen.

Die dritte ist die Sprache der Regierung. Diese umfasst eine umarmende, bildende und aufbauende Sprache/Diskurs/Positionierung. Solche eine Sprache kann nicht nur für eine politische Regierung, sondern auch für Individuen der Fall sein. Manche Menschen verwenden gegen andere weit über der Sprache der Kritik, nämlich eine der Führung. Sie bemühen sich die Menschen in ihrer Umgebung ein Teil ihres eigenen Gangs zu machen. Vielleicht kann eine reaktionäre oder oppositionelle Sprache in den Jugendjahren als normal empfunden werden. Denn die Jugend ist wie es in unserer Sprache ausgedrückt wird, eine Zeit, in der man versucht, sich zu beweisen. Doch mit fortschreitendem Alter oder wenn sie ein bestimmtes Amt bekleiden, wird von ihnen erwartet, dass sie vielmehr eine Sprache der Führung verwenden. Stellen sie sich mal für einen Augenblick mal vor. Sie sind im fortgeschrittenem Alter, bekleiden bestimmte Ämter. Doch sind sie bei zwischenmenschlichen Beziehungen immer noch ein chronischer Oppositioneller. Von Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben, wird erwartet, dass sie besonnener sind und die Probleme friedlicher angehen. Gegen andere eine bildende und aufbauende Sprache kann denjenigen Individuen Gesellschaften, Staaten, die diese Sprache nutzen, immer einen Beitrag leisten. Ihre Positionierung bei zwischenmenschlichen Beziehungen, beeinflusst unmittelbar die Sprache, die sie nutzen.

Neben diesen drei Sprachen gibt es eine die auf Interesse ausgerichtet ist. Da sie nichts produziert, kann sie auch nicht als eine Sprache erachtet werden.  Verglichen mit der Sprache der Opposition, erfordert die Sprache der Führung eine gewisse Reife und Erfahrung. Die Nutzung der Führungssprache erfordert einen gewissen Prozess. Die Sprache der Regierung ist eine, die man in der Weise erlernt, als dass man von den Fehlern lernt und Lehren zieht.

Nun welche Sprache nutzen sie in ihrem Alltag? Und wie positionieren sie sich?



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