Globale Perspektive (2018-40)

Der Gerechtigkeitskreis

Globale Perspektive (2018-40)

Vergangene Woche kamen in New York anlässlich der 73. Vollversammlung der Vereinten Nationen die Staats-und Regierungschefs aus aller Welt zusammen.

Die Erklärung von US-Präsident Donald Trump, dass er gegen Globalisierung ist, der französische Staatspräsident Macron, wie eine Antwort auf Trump, für globale Zusammenarbeit plädierte, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Betonung darauf legte, dass die Welt grösser als die Fünf ist und sein Appell auf Gerechtigkeit und die Teilnahme der neuseeländischen Premierministerin Ardern mit ihrem drei Monate alten Baby sind einige von vielen Highlights.

Eine diesbezüglich Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

In diesem Artikel möchte ich nicht über die Highlights sprechen, sondern über den Gerechtigkeitsappell von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Staatspräsident erinnerte im Zusammenhang mit dem Begriff des „Gerechtigkeitskreis“ nach der alten  türkisch-islamischen Tradition auf die fehlende Gerechtigkeit auf globaler Ebene.  

 

Erdogan hatte folgendes gesagt: „In unserer Zivilisation gibt es einen als „Gerechtigkeitskreis“ bezeichneten Begriff, mit dem die Beziehung zwischen der Gesellschaft, Staatsführung, Staatsgewalt und Wirtschaft mit der Gerechtigkeit am besten aufgebaut wird und funktioniert.

Alle die miteinander in Relation stehenden Kettenglieder dieses Kreises sind in vielen Orten völlig zerstört. Der Grund dafür, dass unsere Welt gegenwärtig, politisch, wirtschaftlich und sozial instabil ist, hängt damit zusammen. Für die sichere und wohle Zukunft von uns allen, sollten wir den mit der Suche nach der Gerechtigkeit beginnenden Kampf der Menschheit, mit der Gewährleistung der Gerechtigkeit zu einem Ende bringen. Wenn gegenwärtig das Vermögen von 62 reichsten Menschen mit dem von 3,6 Milliarden Menschen gleich ist, dann gibt es hier ein Problem.“

Um die Worte von Herrn Präsidenten in Bezug auf Gerechtigkeit besser verstehen zu können, sollte in erster Linie auf die Entwicklung der globalen Werte im Westen geschaut werden. Der nach dem Zweiten Weltkrieg die Begriffe wie Menschenrechte, Freiheiten und Gerechtigkeit nur für sich beanspruchende Westen, wendet sich heute zunehmend von diesen Begriffen ab. Die unfairen Behandlungen von Flüchtlingen und Muslimen in westlichen Ländern werden langsam zur Normalität.  Wegen der Erhöhung der Stimmenanteile von rassistischen Parteien und deren  Beteiligung an den Regierungen wird der rassistische Diskurs nicht mehr als ein Problem gesehen.  In einigen westlichen Ländern kommt man lediglich mit Antiflüchtlingspolitik an die Macht. Die EU-Staaten betrachten das Thema „Flüchtlinge“ nur aus der Perspektive der Grenzsicherheit und gründen dafür eine Armee. Wenn die Flüchtlinge in ihren Ländern sterben und in Ländern wie die Türkei, die sich zum Gewissen der Menschheit gemacht haben, bleiben, dann gibt es für den Westen überhaupt kein Problem. Aus der Perspektive der Türkei betrachtet ist die Gerechtigkeit der elementare Begriff sowohl unseres Glaubens als auch unserer Zivilisation. Zuerst Gerechtigkeit; denn darin sind auch Freiheit und Gleichberechtigung enthalten. Der Begriff „Vermögen“ in dem wegweisenden Spruch „Gerechtigkeit ist die Grundlage des Vermögens“ der in allen türkischen Gerichten zu sehen ist, bedeutet nicht nur Vermögen im Sinne von Eigentum, sondern auch Ordnung und Staat. Der Bedarf an Gerechtigkeit ist in unserer Tradition mit der Vision des „Gerechtigkeitskreis“ und deren Praxis institutionalisiert. Der „Gerechtigkeitskreis“ ist der institutionalisierte Zustand einer politischen, gesellschaftlichen, militärischen, ökonomischen und wirtschaftlichen Ordnung, der mit der Gerechtigkeit beginnt und damit endet. Im von Yusuf Has Hacib im Jahre 1069 verfassten Werk „Kutadgu Bilig“ und im „Ahlak-i Alai“ von Kınalızade Ali Efendi aus dem Jahre 1564 sowie in vielen anderen Werken der türkisch-islamischen Tradition ist vom Gerechtigkeitskreis die Rede. Der Glaube im Zusammenhang mit  unserer Tradition, wonach die Gerechtigkeit die  Grundlage von allem ist und in Situationen, in der Gerechtigkeit nicht gewährleistet werden kann, der Staat und das Vermögen nicht existieren können, wird als  der Gerechtigkeitskreis bezeichnet. Im Kreis oder Zirkel der Gerechtigkeit werden die Welt und Staatsordnung mit den Ringen dargestellt, die mit der Gerechtigkeit beginnen und damit enden. Die Gerechtigkeit im ersten Ring gewährleistet den Weltfrieden und die Staatsordnung. Im zweiten Ring wird die Welt mit einem Weinberg und Garten verglichen, deren Mauer der Staat ist. Im dritten Ring ist es das Recht, das den Staat ordnet. Im vierten Ring wird ausgedrückt, dass ohne einen Regierenden das Recht nicht gewahrt bleiben kann. Im fünften Ring wird darauf hingewiesen, dass ohne das Heer der Regierende den Staat nicht aufrechterhalten kann. Im darauf folgenden Ring wird vermerkt, dass ohne Steuern es keine Militärs geben kann und die Steuern das Volk zahlt. Im letzten Kreis wird wie in der ersten die Betonung auf die Gerechtigkeit gelegt. Denn das Volk, das für die Entrichtung von Steuern ein bestimmtes Einkommen haben muss, horcht dem Staat nur durch Gerechtigkeit. Der Spruch von Scheich Edebal „Lasse den Menschen leben, damit der Staat fortbestehen kann“ ist sozusagen wie die Quintessenz der Beziehungen zwischen Mensch-Gerechtigkeit-Staat.

Wenn heute die globale Ordnung ernsthaft infrage gestellt wird und wie von Staatspräsident Erdogan des Öfteren zur Sprache gebracht wird, die UN dringend eine Revision nötig hat und wenn unschuldigen Menschen, obwohl sie überhaupt keine Verantwortung tragen, die Tore verschlossen werden und sie von einem Kontinent in den anderen rennen müssen, kann diese Ordnung nicht so weiter gehen. Wenn dem Babys, die unschuldiger Weise sterben mussten, die Frage gestellt worden wäre, was denn ihre Schuld war, so wäre die Antwort auf unsere Frage beschämend für uns alle.



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