Türkische Außenpolitik im Fokus (2018-37)

Mögliche Folgen einer Operation auf die syrischen Stadt Idlib.

Türkische Außenpolitik im Fokus (2018-37)

Eine Bewertung von Dr. Cemil Doğaç Ipek Lehrkraft an der Karatekin Universität.

Nach Ansicht von mehreren Experten werden die Auseinandersetzungen in Idlib in einigen Tagen beginnen. Die Mobilität der Soldaten in dem Gebiet deutet auf eine sich nahende Operation hin. In der heutigen Folge unserer Sendereihe werden wir den globalen Machtkampf um Idlib bewerten.

Als sich das Heilige Römische Reich nach einer rund eintausend-jährigen Herrschaftszeit seinem Ende neigte, war es nach den Worten von Voltaire weder heilig noch römisch. Das heutige Problem nach rund zweitausend fünfhundert Jahren ist es indessen, dass die auf der sich dem Ende neigende liberale Welt weder eine liberale noch eine global eine Ordnung herrscht. Um von einer Welt als ein Ganzes zu sprechen, ist in der Gegenwart fast nicht mehr möglich. Bemühungen zur Bildung eines globalen Rahmens bleiben erfolglos. Protektionismus ist hoch im Kurs und die  jüngsten Verhandlungen für einen globalen Handel blieben ohne Ergebnis. Das beste Beispiel dafür sind die gegenwärtigen Entwicklungen im Nahen Osten und in Syrien.

Die heutige Welt gleicht nicht länger der ideologisch polarisierten Welt von 1939 bis 1991, sondern eher der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In der Gegenwart werden wir in einer Zeit, wo globale und regionale Mächte auf- und absteigen, Zeuge von nationalen Machtkämpfen. Als imperialistische Weltmacht setzen die USA ständig Schritte, um den Status-Quo zu wahren. Aufsteigende Mächte wie die Türkei und China fühlen sich vom unausgewogenen Machteinsatz und der Vermögensverteilung der USA beunruhigt.    

Multikulturelle Staatsgebilde wie die Russische Föderation und die Europäische Union sehen sich ihre alten glorreichen Tage herbei. Der Westen fürchtet eine Rückkehr der Sowjet Union, Russland indessen fürchtet einen westlich orientierten Regimewechsel. Aber die gemeinsame Angst stellt der radikale Islam dar.    

Wenn wir die allgemeine Lage der Welt betrachten, ist kein ideologischer Machtkampf zu erkennen, wie es von 1945 bis 1989 der Fall war. Es ist auch kein neuer Eiserner Vorhang vorhanden. Neben einer Weltmacht sind auch auf- und absteigende Mächte vorhanden. Das führt bei Experten, die sich mit diesem Thema befassen, zu Meinungsunterschieden. Die gegenwärtige Lage ähnelt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war eine Ära der Konkurrenz zwischen neu aufgetretenen großen Mächten. Die zwischenstaatlichen Beziehungen beruhten auf Interessen und nicht auf ideologische Gerechtigkeit. In der gegenwärtigen Struktur ist eine Weltmacht vorhanden. die aber andere, die ihre nationalen Interessen verteidigen wollen und auf der Suche nach Erfolg sind, herausfordert. Es ist sinnlos, die Welt aus der Perspektive des 20. Und 21. Jahrhunderts zu betrachten. Man kann sagen, dass wir uns nicht an der Schwelle einer zweiten Ära des Kalten Kriegs befinden.

Heutzutage kann Syrien regionale und globale Krisen auslösen. Ob bewusst oder unbewusst, kann man in Syrien jeden Augenblick die Kontrolle verlieren, die Auseinandersetzungen auslösen kann. Laut zahlreichen Experten können in Idlib jeden Augenblick Kämpfe ausbrechen. Die Operationen könnten in einigen Tagen beginnen. Kräfte des Assad-Regimes haben mit ihren Verbündeten drei Hauptpunkte so aufgestockt, wie es bei der Operation in Aleppo der Fall war.

Idlib ist nicht eine Lösung für den Bürgerkrieg in Syrien, sondern wird einen Wendepunkt für die Gewährleistung einer neuen Ordnung darstellen. Wann die Operation starten wird, wird von einer möglichen Übereinstimmung zwischen Russland und der Türkei über die Lage in Idlib abhängig sein. Auch wenn die Beziehungen zwischen beiden Ländern mehrere strategische Kapitel enthalten und zwischen beiden Laendern eine ausgeglichene Zusammenarbeit vorhanden ist, konnten Moskau und Ankara die Meinungsunterschiede noch nicht völlig aus dem Weg räumen.

Die Türkei betrachtet eine sich nahende Auseinandersetzung in Idlib aus zwei Perspektiven. Die erste davon sind die möglichen kurzfristigen Sicherheitsrisiken. Zweitens die in Syrien herzustellende Ordnung, die langfristig betrachtet eine Bedrohung für die Türkei darstellen kann. Eine mögliche Operation gegen Idlib kann eine neue Flüchtlingswelle auslösen, so dass hunderttausende Syrer Zuflucht in der Türkei suchen.

Langfristig betrachtet kann eine neue Ordnung in Syrien eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der Türkei darstellen. Unabhängig vom Ergebnis des Bürgerkriegs in Syrien, setzt die Türkei ihre Bemühungen sowohl in militärischen, als auch in politischen und diplomatischen Bereichen ihre Bemühungen fort, dass keine neue Ordnung hergestellt wird, die eine Bedrohung für die Türkei darstellen kann. Die Türkei will auf keinen Fall zulassen, dass besonders der Nordosten von Syrien von der Terrororganisation PKK/YPG kontrolliert wird. Idlib wird aus derselben Perspektive betrachtet.

In jüngster Zeit sind die Augen völlig auf Idlib gerichtet. Die USA haben einen Prozess gestartet, um für PYD/PKK eine sichere Zone zu bilden.

Auch wenn behauptet wird, dass im Rahmen der Bekämpfung der Terrormiliz DEASH die Hilfen anhalten, die Augen auf Idlib gerichtet sind, will man im Nordosten von Syrien eine Flugverbotszone ausrufen. Danach wolle man eine Zone errichten, die unter dem Schutz der USA steht. Während die Operation auf Idlib anhält, sollte der Nordosten von Syrien nicht vergessen werden.



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