Globale Perspektive (2018-36)

Indische Muslime

Globale Perspektive (2018-36)

Sozialwissenschaftler David Harvey bezeichnet in seinem Werk “Die Lage des Postmodernismus” unser Zeitalter als eine Epoche, in der Zeit und Ort aneinandergeraten.  Während der Globalisierungsprozess die Weite in die Nähe rückt, führt er die Nähe in die Ferne. Er bringt auch die gemeinsame Geschichte Erlebnisse in Vergessenheit. Ich möchte ihnen diese Woche über die Muslime in Indien erzählen. Gegenwärtig ist uns Indien bezüglich der gesellschaftlichen Wahrnehmung soweit entfernt wie Mexiko. War es aber die Geschichte hindurch immer so?

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Die in Vergessenheit geratene islamische Vergangenheit Indiens?

Die Bekanntschaft des indischen Subkontinents (Indien, Pakistan, Bangladesch) geht bis auf die Zeit von Kalifen Omar zurück.  Der Gast in meinem Programm „Çeşm-i Cihan“ bei den Türkisch-Programmen der Stimme der Türkei, Forschungsdirektor von New Delhi Mashreq Centre und zugleich Gastdozent an der Fakultät für Politikwissenschaften der Yıldırım Beyazıt Universität, Dr. Omair Anas sagt, dass der Islam nach Indien aus drei Richtungen kam. Zunächst wie Indonesien, durch die Händler. Die muslimischen Händler, die zuverlässig sind und ihre Arbeit gut machen, sorgen dafür, dass der Islam sich auf dem Kontinent verbreitet. Der zweite Weg ist der, dass die aus Zentralasien kommenden Sufis in Indien sehr einflussreich werden. Dr. Anas weist daraufhin, dass insbesondere Mevlana auf dem Kontinent weit bekannt ist. Die indischen Muslime, insbesondere Sufis würden bei ihren Türkei-Urlauben, auf jeden Fall nach Konya kommen, sagt Anas weiter. Nach Worten von Anas kann Mevlana eine wichtige Brückenfunktion zwischen beiden Ländern erfüllen. Dass Mevlana aus einer Gegend kommt, die  Indien sehr nah ist, nämlich aus dem afghanischen Balch  steigert vielleicht diese Wirkung. Bei Betrachtung seines Lebens, erfüllt Mevlana in der Tat mit seinen Botschaften, die den Epochen hinaus sind, eine Brückenfunktion. Er verbindet in jedem Zeitalter die Geographie, Länder und Menschen. Der dritte Weg sind muslimische Herrschaften, die Jahrhunderte gedauert haben. Die türkischstämmigen muslimischen Staatsführer gewinnen in Indien mit der Jahrtausendwende an Einfluss. Wie es an den Beispielen der Osmanen und Andalusiern  zu sehen ist, zeigen sie einen Führungsstil, der toleriert und die Unterschiede respektiert. Sie leben mit den Traditionen und den Kulturen der Einheimischen des Subkontinents in Harmonie. Der indische Subkontinent hat sehr große muslimische Gelehrte hervorgebracht. Wenn wir unser Gedächtnis in Erinnerung rufen, werden uns der Verfasser von „Mektubat“ Imam Rabbani (1564-1624), Schah Veliyullah Devlevi (1602-1662), Verfasser von Hüccetüllahi’l Baliğa sowie der Autor des Werks „Was hat die Welt mit dem Rückschritt der Muslime verloren“ Abu’l Hasan en Nadvi (1914-1999) sofort einfallen. Mit der Besatzung durch die Briten, wird die islamische Vergangenheit von Indien immer weniger sichtbar und bekannter. Sie gerät gar in Vergessenheit. Wir können sagen, dass dabei neben der Besatzungspolitik auch das Bemühen von Indien, Pakistan und Bangladesch beim Prozess der Unabhängigkeit ihre eigene nationale Geschichte und Nation zu bilden, eine Wirkung gehabt hat.

Mit einem Bevölkerungsanteil von 200 Millionen Menschen an Muslimen, leben in Indien nach Indonesien die meisten Muslime. Bei Betrachtung des indischen Subkontinents sehen wir, dass die Zahl der Muslime annähernd bei 600 Millionen liegt. Indien hat indes 1,3 Milliarden Einwohner. Die Lage der Muslime in Indien ist gegenwärtig nicht sehr rosig. In der Region um Assam wird der Druck auf Muslime zunehmend erhöht.

700 Jahre dauernden Sultanate

Im indischen Subkontinent herrschen mit der Jahrtausendwende bis 1857 türkische Sultanate. Es beginnt mit den “Gazneliden.” Das wohl bekannteste ist jedoch die Herrschaft der Baburer unter dem baburischen Schah und seinem Sohn Cihangir. Mit der Niederlage des letzten baburischen Schahs, Schah Bahadır gegen die Briten im Jahre 1857 endet auch im indischen Subkontinent die Zeit der Sultanate.  Es gab auch enge Beziehungen zwischen den osmanischen Sultanen und den Sultanen in Indien. Nachdem die osmanische Familie aus der Türkei verbannt wird, heiraten einige osmanische Prinzessinnen indische Prinzen.

Wenn die Briten Indien viel früher besetzt oder Muslime Amerika entdeckt hätten?

Gegenwärtig gibt es Indien 18 offizielle Sprachen, 22 Bundesstaaten und etwa 400 Dialekte und Mundarten. Vielleicht ist es vielleicht bezüglich der Religion, Sprache, Kultur und dem Glauben das bunteste und reichste Land der Welt.

Bei der Tradierung dieses Reichtums in die Gegenwart haben zweifelsohne die mehrere Jahrhunderte dauernden muslimischen Führungen eine wichtige Bedeutung. Denn sie haben einen Führungsstil angeeignet, der diese einheimischen Kulturen, Sprachen und Religionen nicht beseitigt, sondern sie als ein Teil ihrer eigenen Zivilisation sieht. Wie es die Osmanen auf ihren eigenen Territorien und die Araber in Andalusien gemacht haben. Aus diesem Grund haben alle Religionen, Sprachen und Kulturen in dieser Region auch nach dem die muslimischen Führungen nicht mehr da waren, ihre Existenz fortgesetzt. Während des trotz der sehr lange dauernden muslimischen Herrschaften heute auf dem Balkan und in Andalusien, das Arabisch gar nicht bekannt ist, ist Englisch in Indien, Pakistan und Bangladesch eine der offiziellen Sprachen. Lassen wir mal die noch präsenten Sprachen, Religionen und Kulturen außen vor,  in den USA sind die Einheimischen wie die Waldrappen vom Aussterben bedroht. Dabei kommt einem unbedingt folgende Fragen in den Sinn: Was wäre wenn die Briten nicht im 19. Jahrhundert, sondern wie in den USA im 15. Jahrhundert kämen? Dann wäre Indien genau wie die USA ein Land, in dem der „Weiße Mann“  die Kultur, Sprachen und den Glauben der Einheimischen vernichten würde. Oder denken wir umgekehrt: „Was wäre wenn Amerika nicht von den Westlichen sondern von den Muslimen entdeckt wäre, wie wäre die Situation der Einheimischen in den USA. Wären dann die Kulturen, Sprachen und der Glaube der Azteken, Inka, Maya und anderer vom Aussterben bedroht? Oder würden die USA heute von ihnen regiert werden? Nach der Besatzung durch die Briten wurde im indischen Subkontinent nicht nur die westliche Kultur souverän. Der Kontinent wurde in Indien, Pakistan und Bangladesch, also in drei geteilt. Es ist eine wichtige Diskussion, ob diese Teilung eine Konsequenz des britischen Imperialismus „Divide et impera“ oder Ausweglosigkeit der eingeengten Muslime ist. Wenn auf dem Kontinent nur ein Land wäre, dann würde es die Feindschaft zwischen diesen Ländern nicht geben und die Region wäre durch die Wirkung der Muslime noch wohler. Wer weiß?  

Der Unabhängigkeitskrieg und die indischen Muslime

Als im 1. Weltkrieg die Briten die osmanischen Territorien angriffen, zeigen indische Muslime große Reaktion. Sie sind auch unter der britischen Besatzung. Dass der osmanische Staat auch unter die Besatzung der Briten gerät, wird ihre Hoffnungen schwinden lassen, was dementsprechend die Besatzung in ihrem eigenen Land noch stärken wird. Um den osmanischen Staat zu unterstützen, starten sie die auch die von „Cinnah“ und „Gandhi“ unterstützte „Kalifat-Bewegung.“ Es finden Proteste statt. Die Initiatoren sprechen mit dem britischen Premier seinerzeit. Um den Unabhängigkeitskrieg zu unterstützen, sammeln sie Spenden und schicken diese in die Türkei. Wir hatten mit der Globalisierung begonnen, beenden wir es so. Während die Globalisierung die Welt noch mehr zueinander rückt, sollte sie nicht dazu führen, dass uns nahe Geographien, gemeinsame Leben oder historisches Zusammensein fern bleiben. Diese Nähe sollte zum Anlass werden, dass wir unsere Beziehungen zu Indien, das ein großer Anwärter dafür ist, eines der wichtigsten Länder des 21. Jahrhunderts zu sein, stärken.



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