Türkische Außenpolitik im Fokus (2018-31)

Der Einfluss der evangelikalen Bewegung auf die US-Politik und auf die Beziehungen zwischen Ankara und Washington.

Türkische Außenpolitik im Fokus (2018-31)

Bewertung von Dr. Cemil Doğaç Ipek, Lehrkraft an der Atatürk Universität.

Die Drohungen mit Sanktionen von US-Präsident Donald Trump und von US-Vizepräsident Mike Pence angesichts des in der Türkei gefangen gehaltenen US-Pastors Andrew Brunson, haben die Tatsache des Evangelikalismus erneut auf die Tagesordnung gebracht. Heute werden wird die evangelikalen Lobbyarbeiten innerhalb der US-Führung und ihre Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Ankara und Washington bewerten. 

Der US-Pastor Andrew Craig Brunson wird seit 2016 wegen des Terror- und Spionagevorwurfs in Gewahrsam gehalten. Vor ein paar Tagen wurde Brunson wegen Gesundheitsproblemen in Hausarrest entlassen. Auf das Urteil hin drohten die USA der Türkei mit Sanktionen. Als erstes drohte US-Vizepräsident Pence anschließend US-Präsident Trump mit weitgreifenden Sanktionen gegen die Türkei, wenn Brunson nicht auf freien Fuß gesetzt wird. Brunson ist ein evangelikalischer Missionar. Damit weist der Fall Brunson nicht nur einen politischen, sondern auch einen „theo-politischen” Hintergrund auf.  Die US-Regierung praktiziert aufgrund der „Block-Stimmen“ eine Politik nach den Wünschen der Evangelikalen.

Die Evangelikalen  (auch als christliche Zionisten bekannt) haben dank Mike Pence und anderer Vertreter im Weißen Haus eine starke und einflussreiche Position innerhalb der US-Administration. Die Evangelikalen, deren Zahl in den USA sich auf etwa 20 Millionen Anhänger beläuft und die rund 100 Millionen Personen beeinflussen können, haben in den letzten Jahren Millionen von Dollar für ein sich ausweitendes Israel ausgegeben. Millionen von Juden in Russland, Äthiopien und in verschiedenen Teilen der Welt unterstützen die Migration nach Israel. Für den Bau von neuen Siedlungen auf palästinensischem Boden und der Ansiedlung von Einwandern wurden Millionen Dollar gespendet. 

In diesem Zusammenhang kommt dem Artikel von Dan Hummel für die Zeitung Washington Post eine große Bedeutung bei. Nach der Auffassung von Hummel weiche die Wortwahl von „US-Vizepräsident Pence für die amerikanisch-israelischen Beziehungen von der nachhaltigen historischen Ausdrucksform des Weißen Hauses ab“.  

Pence ist nicht der einzige, der die Offenbarung des Alten Testaments, an das die Evangelikalen glauben, Trump zu vermitteln versucht. Er ist ein sehr leidenschaftlicher Anhänger der evangelikalen Bewegung, der großen Einfluss auf die Trump-Führung hat.

Für die radikalen Zionisten und Evangelikalen ist Israel ein sehr kritisches Thema. Sie glauben daran, dass sich Trümmer des I. und II jüdischen Tempels unter der Al Aqsa-Moschee, die im Islam als die drittheiligste Stätte angenommen wird, befinden. Nach evangelikalischer Auffassung wird ein neuer Tempel auf diesen antiken Trümmern errichtet werden. Die Evangelikalen verteidigen, dass dies eine Bestimmung des Alten Testaments sei. Nach ihrer Ansicht wird nach dem Bau des Tempels Jesus Christus auf die Erde zurückkehren.

Die Evangelikalen haben die Ernennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch die USA sehr begrüßt. Sie glauben daran, dass mit der Rückkehr von Jesus Christus auf die Erde die Schlacht von Armageddon eingeleitet werden wird. Die US-Führung indessen stellt Forderungen in dieser Richtung, denn sie ist überzeugt davon, dass mit der Wiederkehr des Messias alles besser werden wird. Danach werde 1.000 Jahre Frieden auf der Welt herrschen.

 Nach dem Glauben der Evangelikalen muss dafür die Offenbarung des Alten Testaments in Erfüllung gehen: “Für die Rückkehr von Jesus Christus auf die Erde muss das alte Israel wieder vereint werden und von den Ungläubigen, anderer Religionen befreit werden.” Auch wenn sich all das wie irreal und wie Wahnsinn anhören mag, haben die Evangelikalen auf Mike Pence und andere US-Funktionäre einen großen Einfluss, was sie zu ihrem Interesse nutzen. Letztenendes ist US-Präsident Trump, der kein starker Anhänger der evangelikalen Bewegung ist, darum bemüht seine Wähler dieser Glaubensgemeinschaft zufrieden zu stellen. Allerdings kann gesagt werden, dass US-Vizepräsident Mike Pence ein evangelikaler Hardliner ist. Für Pence ist der US-Pastor Brunson aufgrund seines Glaubens von großer Bedeutung. Trump indessen setzt sich vor allem für politische Interessen für die Freilassung von Brunson ein. Es ist offenkundig, dass diese Entwicklungen nicht mit den innigen Szenen zwischen US-Präsident Trump und Staatspräsident Erdoğan beim Nato-Gipfel-Treffen in Brüssel passen. Laut den Informationen hinter den Kulissen will US-Präsident Trump im direkten Kontakt mit Staatspräsident Erdoğan die Probleme zwischen den Ländern überwinden. Allerdings ist Trump von einem sehr starken Evangelikalen-Neokonservatismus umgeben. Diese nutzen jede Gelegenheit, um eine Annäherung von Trump an Erdoğan zu verhindern.  

Unterdessen ist mit dem Fall Brunson die seit mehreren Jahren anhaltende "verdeckte Krise" zwischen Washington und Ankara in mehreren Bereichen kein Geheimnis mehr. Der Vertrauensbruch und die Krise vertieften sich zusätzlich. Ein weiter Punkt auf das aufmerksam gemacht werden muss, ist die Erklärung von Trump kurz vor dem Treffen von Erdoğan mit dem russischen und chinesischen Staatsoberhaupt am Rande des BRICS-Gipfeltreffens in Johannesburg. Auch die Wirkung der Erklärung des Schatz- und Finanzministers Berat Albayraks, wonach Ankara mit chinesischen Finanzeinrichtungen ein Kreditpaket in Höhe 3,6 Milliarden Dollar vereinbart hat, darf nicht unterschätzt werden.

Eigentlich ist es beim aktuellen Standpunkt nicht schwierig für die Überwindung der Probleme zwischen der Türkei und den USA einen neuen Prozess einzuleiten. So wäre das nicht die erste Hürde, die Ankara und Washington gemeinsam bewerkstelligt hätten. Aber sollte Trump weiterhin einen drohenden Tonfall einschlagen, wird der anti-amerikanische Kurs, der seit dem Süleymaniye-Vorfall am 4. Juli 2003 in der Türkei vertreten ist, sich weiter ausprägen. Bis zu den Wahlen im November muss die Trump-Führung den Druck der Evangelikalen stark unter Kontrolle halten. Sonst droht der US-Führung die Gefahr ihren größten Partner zu verlieren. 



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