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Globale Perspektive (2018-27)

Der Reisende in der verlorenen Zivilisation: Fuat Sezgin

Globale Perspektive (2018-27)

Der Wissenschaftler, Prof. Dr. Fuat Sezgin, der sein Leben für die Darstellung des Beitrags der Muslime für die moderne Wissenschaft gewidmet hat, ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Seine Erfolge in den 94 Jahren und sein Erbe sind so enorm, was für andere Menschen in ein paar Leben machbar sind. Fuat Sezgin war wie eine makellos funktionierende Uhr, die stets tickte. Als die Uhr nicht mehr tickte, ging er von uns.       

Was ist es, das diesen Wissenschaftler so besonders macht?

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Eine Weltreise, die in Bitlis beginnt…

Fuat Sezgin kam im Jahre 1924 in Bitlis auf die Welt. Das erste Wissen über die Religion und die ersten Grundkenntnisse auf Arabisch erlangte er von seinem Vater, der Mufti war. Seine akademische Karriere setzte er nach 1943 im Institut für Orientalistik an der Literaturwissenschaftlichen Fakultät der Istanbul Universität fort. Hier lernte er den deutschen Orientalisten Helmut Ritter kennen.

Manchmal wendet sich etwas Schlechtes zum Guten…

Während Prof. Sezgin seine akademische Karriere fortsetzt, wird er nach dem Putsch von 1960 wie viele andere Wissenschaftler aus der Uni entlassen. Seine einzige Schuld war, dass sein Bruder Provinzvorsteher der Demokratischen Partei war.

Noch im Alter von 36 Jahren wird er arbeitslos und hat keinen Ausweg mehr. Wie jedes Mal der Fall ist, während einem ehrlichen, fleißigen und produktiven Menschen in seinem eigenen Land alle Toren verschlossen werden, bieten sich in anderen Erdteilen der Welt auf  jeden Fall neue Chancen. Nach dem Wiedersehen mit den Offizieren, die Ihn aus der Uni entlassen haben, ist Fuat Hodscha ihnen dankbar. „Das was sie machen und ihre Politik gefällt mir nicht. Doch ich möchte ihnen danken. Denn wenn ihr mich nicht aus der Uni entlassen hättet, könnte ich meine wissenschaftlichen Arbeiten in Deutschland nicht führen“ sagt er.

Als alle Türen sich schließen, bekommt er Einladung aus den USA und aus Deutschland. Mit dem Gedanken, dass er leichter in die Türkei kommen kann, entscheidet er sich für Deutschland. Mit seinen Arbeiten wird er zu einem der angesehensten Wissenschaftler in den Bereichen islamische Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsgeschichte.

Waren die Muslime in der Geschichte nicht präsent?

Bei Betrachtung des Lebens von Fuat Hodscha, ist er wie ein Krieger, der im Wissenschaftsbereich die Welt erobern will. Er rennt von einer Bibliothek zu der anderen. Ohne etwas anderes zu machen, beschäftigt er sich jahrzehntelang nur mit Wissenschaft. Wie er selber sagt, besteht sein Mittagessen des Öfteren aus belegtem Brot und Marmelade.

Was ist es, das Fuat Hodscha zu einem übermenschlichen Eifer versetzt? Wie sein Respekt zu der Wissenschaft, ist es die „wissenschaftliche“ Annahme, die in seiner Zeit und auch heute noch in einigen Kreisen gültig ist; und zwar, dass die Muslime keinen Beitrag für die moderne Wissenschaft geleistet haben und der Glaube, dass wir den heutigen Stand der Wissenschaft und Technologie der griechischen Antike und den Entwicklungen in Europa zu verdanken haben. Mit diesem Irrglauben wird er wie er es auch selber sagt, noch in der Grundschule konfrontiert.

Er sagt: „In der zweiten und dritten Woche der ersten Grundschulklasse sagte unsere Lehrerin, die uns über die Kugelform der Welt erzählte, die muslimischen Wissenschaftler würden glauben, dass die Welt an den Ochsenhörnern hängt. Wie konnte ein armes Kind wie ich damals wissen, dass die Muslime die Breite des Äquators  schon im 9. Jahrhundert mit ein paar Methoden als 40 Tausend Kilometer gemessen haben.“

Fuat Hodscha legt mit seinen Arbeiten, für die er sein ganzes Leben aufgeopfert hat, den Beitrag  der muslimischen Wissenschaftler für die Naturwissenschaften und viele andere technologische Entwicklungen ganz klar dar. Neben den authentischen Beiträgen der muslimischen Wissenschaftler, beweist er, dass dank der muslimischen Wissenschaftler die Wissenschaft und Philosophie der Antike in die Moderne übertragen wurde. Trotz alledem bleibt das Leben nicht in der Geschichte hängen. Die Feststellung von Fuad Hodscha, dass viele westliche Länder bei der Forschung von islamischer Wissenschaftsgeschichte fortgeschrittener als die islamischen Länder sind, ist sehr bitter.   

 (http://fazlioglu.blogspot.com/2018/06/prof-dr-ihsan-fazlioglu-prof-dr-fuat-sezgin-ilebilim-tarihi-uzerine-soylesi-pdf.htm)

Seine Person, sein Ansatz und seine Beiträge

Die Meinungen und die Arbeitsdisziplin von Ritter beeindrucken Fuat Sezgin sehr. Noch bei der ersten Begegnung hatte Ritter ihm die Namen von großen islamischen Wissenschaftlern genannt. Einige davon hatte er zum ersten Mal gehört. Als er beginnt, mit ihm zu arbeiten, fragt ihn Ritter, wieviel Stunden er am Tag arbeitet. Als Fuad Hodscha mit 13-14 Stunden antwortet, sagt Ritter, dass man damit nicht ein Wissenschaftler werden kann. Der Hodscha arbeitet danach bis zum greisen Alter nicht weniger als 17-18 Stunden. Daher kann über die Person von Hodscha gesagt werden, dass er unermüdlich und sehr fleißig ist.

Ein anderer Punkt, der bei Fuat Hodscha auffiel ist der, dass er entgegen der in den vergangenen Jahrhunderten verübten Praxis, den Wissenschaften und der islamischen Zivilisation, dem Westen oder anderen gegenüber nicht das Prinzip der Gegensätzlichkeit wählt. Fuad Hodscha hat das Selbstvertrauen, das die muslimischen Gelehrten in ihren Glanzzeiten hatten.  Zu welcher Religion, Rasse und Ethnie sie auch angehören mögen, bei der Arbeit mit anderen Menschen, hat er bei der Darlegung und dem Zusammenstellen eines Wissens großes Selbstvertrauen. Zweifelsohne sind die Arbeiten des Professors über den Beitrag der muslimischen Gelehrten für die Wissenschaft und Technologie, die Bände fassen könnten, sehr wertvoll. Der Professor ist damit nicht nur ein Wissenschaftler. Zugleich ist er ein Mensch, der für den akademischen Aufbau Stiftung und Institut gegründet hat; Institut für arabisch-islamische Wissenschaften in Frankfurt). Alles was er verdient hat, gibt er dafür aus. Er gibt sich damit nicht zufrieden und eröffnet die Museen für islamische Wissenschaft und Technologie in Frankfurt und Istanbul, damit der Beitrag der Muslime für Wissenschaft und Technologie noch besser gesehen werden können.

Das eine und das andere Deutschland

Deutschland hat einen besonderen Platz im Leben von Fuat Hodscha. Vor allem hat die Wissenschaftsgeschichte Deutschland, das ihm nach seiner Entlassung aus der Uni infolge des Putsches von 1960  sehr viele Möglichkeiten geboten hat, viel zu verdanken. Fuat Hodscha brachte diesen Dank des Öfteren zum Ausdruck. Deutschland hatte zur damaligen Zeit, mit Selbstvertrauen agiert und ohne in irgendwelche Komplexe zu geraten, diese Arbeiten unterstützt. Daher sollte man das damalige Deutschland würdigen. Doch Deutschland ist heute bei weitem davon entfernt. Nachdem er sich entschieden hat, die völlig mit eigenen Mitteln errichtete Bibliothek in die Türkei zu verlegen, wurde er mit der Begründung, er hätte die Bücher enteignet, angeklagt.

In seinem irdischen Leben wurde seine Bibliothek verriegelt und dem Hodscha der Zutritt verboten. Trotz alledem hat sich Hodscha darum bemüht, dass die Sache nicht politisiert wird und hat es daher nicht öffentlich ausgetragen. Lediglich bei Betrachtung dieses Falls und dem Verhalten von Deutschland gegenüber Fuad Hodscha damals und heute, kann die negative Entwicklung in Deutschland gesehen werden. Bis vor kurzem kannte die türkische und islamische Welt Fuat Hodscha nicht. Da diese Welt, außer einige Ausnahmen, nicht dessen bewusst, was sie seit einigen Jahrhunderten verloren hat, wusste sie auch nicht, was Fuat Hodscha gefunden hat. Der Professor hat mit dem was er gemacht hat, für alle Wissenschaftler der Welt eine Fackel angezündet. Er ist von uns gegangen. Soll er im Paradies landen.



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