Globale Perspektive (2018-08)

Die Krise Europas

Globale Perspektive (2018-08)

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara

Die Krise Europas

Stellen sie sich für einen Augenblick mal vor; was wäre passiert, wenn in dem Land, in dem sie leben fünf Christen oder Juden durch Feuertod ermordet worden wären (In Frankreich kamen  am 2. Oktober 2017 durch Brandstiftung fünf Muslime durch Feuertod ums Leben, darunter drei Türken). Oder was wäre, wenn in ihrem Land die Kirchen oder Synagoge jedes Jahr Dutzenden Angriffen ausgesetzt wären (Im letzten Quartal des Jahres 2015 wurden 24 Moscheeangriffe verübt  http://gocvakfi.org/almanyada-cami-saldirilari/). Natürlich wünscht man sich solche Fälle in keinem Land. Sogar so eine Frage stellen zu müssen, tut einem weh. Wenn aber solche Ereignisse in ihrem Land vorgefallen wären, dann würde man lautstark über die Unsicherheit, Verletzung von Rechten und Freiheiten sowie Bedrohung von verschiedenen Lebensweisen reden. Und sie konnten nicht mehr mit erhobenem Haupt gehen können.

Machen sie sich jedoch keine Sorgen, denn diese Ereignisse passieren nicht in ihrem Land, sondern in europäischen Staaten. Daher sind sie dessen weder sie noch die Welt bewusst.

Werte produzierendes Europa 

Europa war noch vor jüngster Zeit nicht so. Insbesondere durch die bitteren Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg war ein Europa da, das die Betonung auf Kooperation, gegenseitiges Verständnis und Teilung legte.  Diese positive Agenda und Betrachtungsweise brachte die Europäische Union hervor. Die EU hat mit der positiven Agenda und Kooperation sowohl in sich als auch in ihrer Region sehr wichtige Fortschritte wie Überwindung von Faschismus und Nazismus, Förderung von demokratischen Werten, Menschenrechte, Überlegenheit des Rechts, Entwicklung von sozialen und wirtschaftlichen Freiheiten geschafft. Doch heute scheinen all diese Werte einer nach dem anderen zu verschwinden. Der Beitrag von Europa zu diesen Werten in jüngster Zeit kann nicht geleugnet werden. Wenn auch George Friedman in seinem Werk, „Europäische Krise“ den Erfolg des Kontinents von 1945 bis 1991 nicht mit Europa, sondern mit dem Drängen der USA und Russland zum Frieden erklärt, bin ich nicht derselben Meinung. Dass Europa von Leiden Lehren zieht und dementsprechend Politiken mit Prinzip entwickelt und seine Region positiv bewirk hat, kann nicht geleugnet werden.

Das in sich hineingekrochene, den Ängsten ergebene und Drohungen produzierende Europa

Leider gibt es so ein Europa nicht mehr. Es gibt nun ein Europa, in dem mit jedem zunehmenden Tag die Fremdenfeindlichkeit steigt. Faschistische und nazistische Parteien erhöhen immer weiter ihre Stimmen. Während die Zahl der vernünftigen Staats- und Regierungschefs immer weniger wird, steigt die Zahl von Staats- und Regierungschefs ohne Vision. Die Angriffe auf die Gebetseinrichtungen von anderen Lebensweisen sind nicht mal mehr eine Meldung wert. Die Meinungsumfragen belegen, dass die Migranten sich immer mehr ausgegrenzt fühlen. Die politischen Parteien erkämpfen sich die Regierungsgewalt nicht mit einer positiven Agenda, sondern damit, dass sie Fremdenfeindlichkeit schüren. Wie es am Beispiel von Österreich zu sehen, kommt eine Partei mit ihrem Versprechen „Null-Migranten“ an die Macht. In Anbetracht dessen, dass Österreich nicht mal einem Prozent der „Flüchtlingsgefahr“ im Gegensatz zu Türkei ausgesetzt ist, kann man sehen, in was für ein Angstklima sich Europa verwickelt hat (Ein Prozent der von Türkei beheimateten 3,5 Millionen Flüchtlinge macht 35 Tausend).

Rationalitätsschwund

Länder können von Zeit zu Zeit in solche Krisen geraten. In solchen Situationen entwickeln der Staat und die Staats- und Regierungschefs mit Vision vernünftige Politiken und verhindern dadurch, dass die Krise sich weiter vertieft. Wenn möglich, holen sie ihre Länder aus der Krise heraus. Doch bei Betrachtung ihrer beschuldigenden Reaktionen auf die Migranten, Muslime und Türken, kann man von einer „Geistesstarre“ Europas reden. Wir sind mit einem Europa konfrontiert, das sein Selbstbewusstsein und seine  Rationalität verloren hat. Es scheint so, dass Europa seine für die Überwindung der scholastischen Ära entwickelte Aufklärung geschwächt hat.

Europa sollte für die Probleme nicht die Migranten verantwortlich machen  

Eigentlich ist es eine Krise Europas. Die Migranten, Muslime und Türken leben seit langer Zeit in Europa. Ihre Zahl ist nicht enorm gestiegen. Die Migranten haben auch ihre Lebensweisen nicht sehr geändert. Wenn Europa in der Zeit, in der sie positive Werte produzierte, den Migranten positiv gegenüberstand und heute gegen sie vielmehr eine beschuldigende und ausgrenzende Sprache nutzt, sollte man sehen, dass das Problem beim Europa liegt. Eigentlich liegt das Problem darin, dass Europa in einer wirtschaftlichen Stagnation ist und von der Globalisierung nicht genug profitieren kann und keine pluralistische Vergangenheit hat. 

Europa war auch vor dem Zweiten Weltkrieg in solche Krisen geraten. Dass Europa, das wegen dem Engpass seine Krise nicht sehen konnte, begann damit, die Juden als ein Problem zu betrachten. Das sich von Verschiedenheiten fürchtende und die Gefahrenwahrnehmung immer weiter in die Höhe treibende Europa, hatte es vorgezogen, für seine eigene Krise die Juden verantwortlich zu machen. Dass nach dem Vorgehen gegen Juden, Europa sich selbst und seine Region in Brand gesetzt hat, war ein klarer Beweis dafür, dass das Problem nicht mit den Juden zu tun hatte. Doch den Preis für die Selbstkonfrontation Europas musste die ganze Welt sehr teuer bezahlen. Auch heute debattiert Europa über die Migranten und Muslime über sich selbst und seine Zukunft. Sie entwickeln eine Politik, mit der sie die Migranten und Muslime ausgrenzen und ihre Freiheiten einschränken. Sie ignorieren die Angriffe gegen ihre Lebensweisen und Gebetseinrichtungen. Es ist notwendig, dass europäische Staatschefs das Problem richtig erkennen, um nicht den geschichtlichen und tödlichen Fehler zu wiederholen. Kann Europa diese Krise überwinden? Dafür muss Europa einsehen, dass diese Krise nicht die der Migranten, Muslime oder Türken, sondern seine eigene Krise ist. Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll, dass Europa seine Krise überwinden kann. Doch es ist ein Thema eines anderen Artikels.


Keyword: Migranten , Krise , Europa

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