Globale Perspektive (2018-07)

Westthrazien-Türken: Nein gegen Assimilation

Globale Perspektive (2018-07)

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Westthrazien-Türken: Nein gegen Assimilation

Stellen sie sich für einen Augenblick mal vor. Wie sie sich auch beschreiben mögen, ob Deutscher, Araber, Türke, Muslim, Christ oder Atheist, der Staat sagt ihnen in dem Land, in dem sie seit mehr als tausend Jahren leben, dass sie nicht das sind, was sie sind und es so eine Gesellschaft nicht gibt. „Warum sollte es den Staat interessieren, wie sie sich nennen. Die Staaten haben lediglich zu akzeptieren und zu respektieren wie sich die Menschen definieren. Ich höre fast, wie sie sagen, dass es in diesem Jahrhundert so etwas nicht geben kann. Wie gern würde ich ihnen sagen, „Sie haben Recht, so eine antimoderne und faschistische Gesinnung hat in diesem Jahrhundert nichts verloren. Es kann nur ein Beispiel aus der Geschichte sein.“

Dem ist leider nicht so. Dieser Umstand gilt in Griechenland, das ein EU-Mitglied ist. Die Menschen versuchen dem griechischen Staat klar zu machen, dass sie seit mehr als tausend Jahren mit ihrer muslimischen und türkischen Identität hier präsent sind. Ich spreche von der Tragödie der Westthrazien-Türken. Die Westthrazien-Türken lebten auch vor dem osmanischen Staat auf diesen Territorien. Nach Abzug des osmanischen Staates, sind die Rechte der türkisch-muslimischen Minderheit in Westthrazien durch internationale und bilaterale Abkommen unter Garantie gestellt. Doch in der Praxis ist es nicht so, wie es auf dem Papier steht. Ich möchte hier und heute nur über eines von mehreren verletzten Rechten sprechen.

Verwundetes Bewusstsein

Zweifelsohne sind wirtschaftliche, kulturelle und andere Rechte und Freiheiten von Bedeutung und daher wertvoll. Doch eines der grundlegendsten Rechte ist, wie sich die Menschen selber definieren oder beschreiben wollen. Es ist ein ontologisches Recht. Der Artikel 6 der internationalen Menschenrechte-Charta besagt folgendes: „Jeder, wo er auch sein mag, hat das Recht dazu, dass sein rechtliche Persönlichkeit anerkannt wird.“  

Es ist nicht die Sache des Staates, wie sich die Personen selber definieren. Es ist eine persönliche Angelegenheit und ein unverzichtbarer Teil der Persönlichkeit. Eine Identität oder Zugehörigkeit, wonach sich die Menschen beschreiben, abzulehnen, ist mit der Ablehnung des Daseins dieser Person gleich.  Vielleicht macht Emil Maalouf in seinem Buch „Tödliche Identitäten“ darauf aufmerksam, dass die Identität eines Menschen am meisten verwundbar ist. Denn ein Mensch, dessen Identität, wonach er sich beschreibt, abgelehnt wird, wird versuchen, sich gegen jeden Druck zu widersetzen. Der Kampf der ersten Christen und Muslime gegen die Unterdrückung und gegen den Gräuel, den sie für den Ausdruck ihrer Identität ausharrten, sind konkrete Beispiele.  

Abgelehnte türkische Identität

Der türkischen Minderheit in Westthrazien geht es nicht anders. Die im Jahre 1927 gegründete „Türkische Einheit in Xanthi“ besteht bis zu den 1980er Jahren problemlos. Da in dem Vereinsnamen auch der Wortlaut „Türk“ enthalten ist, wird im Jahre 1983 das Aushängeschild von den Sicherheitskräften entfernt. Die Aktivitäten des Vereins werden verboten. Der Verein wird von den griechischen Gerichten, mit der Begründung, dass es in Westthrazien keine Türken gibt, geschlossen.

Daraufhin ziehen die Türken in Westthrazien vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Gericht gibt im Jahre dem Verein Recht. Doch gemäß den griechischen Gesetzesgebungen führen die EGMR-Urteile nicht unmittelbar zu einem Ergebnis. Dafür ist es notwendig, die Rechtsprechungen in Griechenland geltend zu machen. Die Westthrazien-Türken kämpfen seit den letzten 10 Jahren für die Umsetzung der EGMR-Urteile. In diesem Zusammenhang kam es beim letzten Prozesstag am 9. Februar 2018 vor dem Berufungsgericht zu Komothini auch zu keinem Ergebnis. Seit 35 Jahren wird dafür gekämpft, dass eine menschenrechtsverletzende Praxis korrigiert wird. Die Westthrazien-Türken setzen ohne sich ermutigen zu lassen und ohne die Rechte zu verletzen, ihren Kampf fort.  Seit 35 Jahren erwarten sie von Griechenland und von der EU, die dem Land gegenüber den nötigen Druck nicht ausübt, Gerechtigkeit. Doch in diesem Prozess ist es für den griechischen Staat Einschüchterungspolitik wichtiger als die Gerechtigkeit.

Nationaler Widerstandstag

Am 29. Januar 1988 veranstalten die Westthrazien-Türken gegen das Urteil des griechischen Gerichts, das ihre Existenz ignoriert, eine Protestaktion mit reger Beteiligung. Ab diesem Datum wird der 29. Januar als „Tag des Nationalen Widerstandes“ gefeiert.  Doch Griechenland zieht es vor, die Aktivitäten an diesem Tag mit Druck zu verhindern. Doch während dieser demokratischen und legalen Proteste werden die Türken von fanatische Griechen angegriffen. Zwei Tage hindurch werden die Geschäfte von Westthrazien-Türken geplündert und demoliert. Viele Türken, darunter auch der gewählte Mufti von Xanthi, Mehmet Emin Aga und der unabhängige Parlamentarier, Ahmet Faikoğlu der damaligen Zeit werden schwerverletzt. Die griechische Polizei schaut dabei nur zu.

Ist es nur die Ablehnung der türkischen Identität?

Leider sind die Probleme in Griechenland nicht nur mit der Ablehnung der türkischen Identität begrenzt. Obwohl mit den Gesetzen und bilateralen Abkommen unter Garantie gestellt, können sie ihre Muftis nicht wählen und ihren Glauben frei ausüben. Zudem werden in ihre Besitzrechte eingegriffen und die beschlagnahmten Stiftungsgüter nicht zurückgegeben, sowie  Bildungsrechte eingeschränkt  und mehrere Tausend ausgebürgert. Diejenigen, die mehr über die Probleme der in Westthrazien lebenden Türken erfahren wollen,  können in den von der Katip-Çelebi- Universität auf Türkisch, Griechisch und Englisch vorbereiteten Bericht „Menschenrechtsverletzungen Griechenlands“ reinschauen. Diese Verletzungen Griechenlands geschehen in einer Zeit, in der die Türkei die Akdamar-Kirche restauriert und für Gottesdienste eröffnet, das Grundstück des Klosters „Mor Gabriel“ zurückgibt,  die griechische Schule auf der Insel Gökçeada eröffnet und die bulgarische Kirche in Istanbul mit eigenen Mitteln restauriert. Was noch schmerzlicher ist, dass sowohl die EU-Institutionen als auch internationale Einrichtungen gegen die seit mehreren Jahrzehnten dauernden Verletzungen  nicht aktiv sind. Diese Verletzungen sind der islamischen Welt auch nicht ausreichend bekannt. Am tragischsten ist, dass obwohl die Menschenrechtsorganisationen in der Türkei und Intellektuelle über die Menschenrechtsprobleme in ihrem eigenen Land sehr gut informiert und daran sehr interessiert sind, fast gar keine Ahnung über die folgenschweren Verletzungen beim Nachbarn haben. Wir hoffen, dass die Zahl von Arbeiten wie der Bericht zu den Menschenrechtsverletzungen in Griechenland erhöht wird und unsere Bürger mehr Informationen über die Verletzungen in anderen Ländern haben.  

 



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