Reisen als Selbstentdeckung

Der Artikel des Sprechers des Staatspräsidiums Ibrahim Kalin in Daily Sabah vom 25.08.2017

Reisen als Selbstentdeckung

 


Auf dem Weg zu schreiten, lehrt uns, über das "Selbst" hinauszugehen und uns dem "Anderen" zu öffnen. Es muss erwähnt werden, dass, obwohl wir als Individuen für unser Handeln verantwortlich sind, wir nicht alleine auf dieser Welt sind. Wir werden von anderen Gefährten auf unserer Reise begleitet.

Während Millionen von Muslimen aus der ganzen Welt für die Pilgerfahrt nach Mekka - eine der größten Pilgerreisen weltweit – strömen, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, was diese Reise bedeutet und wie sie uns auf unsere eigene Reise auf Erden von Nutzen sein kann.

Der Antritt einer Reise beinhaltet mehrere Schlüsselelemente. Als erstes müssen sie wissen, wohin sie wollen, d.h. ihr endgültiges Ziel. 

Zweiten; müssen sie sich darauf vorbereiten: Sie müssen wissen, wie man dorthin kommt und welche Art von Ausrüstung nötig ist, um die Reise abzuschließen. Jede Reise ist ein Akt der Einsamkeit, aber zugleich auch eins des Teilens. Deshalb müssen sie ihre Reisegefährten sorgfältig auswählen. Die Reisegefährten sollte behilflich sein und nicht behindernd. Sie sollten unsere "Begleiter" im wahrsten Sinne des Wortes sein: Vertraute, die mit ihnen den ganzen Weg bis zum Ende schreiten.

All dies erfordert eine Reihe von intellektuellen und geistigen Qualitäten, ohne die keine Reise abgeschlossen werden kann. Wir müssen einen klaren Geist und Gewissen haben, um auf dem richtigen Weg zu sein. Intelligenz, Weisheit und Tugend sind unsere Leitlinien bei der Reise. Ohne ein Gefühl der intellektuellen und moralischen Richtung kann uns keine Reise zu einem besseren Ort führen. Glaube, Geduld und Vertrauen sind ebenso wichtig, wie sie uns auf die Schwierigkeiten der Reise vorbereiten. Ja, wir müssen uns auf die Freuden und Bewährungsproben der Reise vorbereiten. Niemand kann eine Reise ohne Hindernisse und Hürden versprechen. Sie gehören dazu und helfen uns immer in Schach zu bleiben.
Ganz gleich, ob wir in verschiedene Teile der Welt reisen, unser Dorf besuchen oder auf den Mond gehen, alle Reisen sind Versuche, unser Inneres zu entdecken. Spirituelle Reisen öffnen alle äußeren Straßen nach innen und zeigen uns, wer wir sind und was wir auf dieser Welt machen. Das ist wie eine Reise innerhalb der Reise: das Leben ist eine Reise, aber die Suche nach dem Sinn des Lebens ist auch eine Reise. Wie erfolgreich wir auf diesem Pfad der Selbstfindung sind, hängt von unseren Entscheidungen ab.
Während der Reise ist es wichtig, das Tempo unserer Schritte richtig zu bestimmen. Zu langsames Voranschreiten und großer Verlust von Zeit an sekundären Orten kann zur Verschwendung kostbarer Zeit führen. Schließlich ist das Leben kurz und wir müssen das Beste daraus machen. Zu schnelles Voranschreiten ist auch eine schlechte Wahl, weil man die Segnungen auf dem Weg verpassen kann. Wenn sie in einem Garten laufen, bemerken sie die schönen Blumen, die an ihnen vorüberziehen, nicht. Sie müssen locker gehen, beschleunigen, wenn nötig und sich eine Pause gönne, um die schönen Dinge um sie herum zu bemerken und zu genießen.
Das Reisen ist ein Prozess der Seelensuche, aber auch eine Antwort auf die äußeren Realitäten, die uns umgeben. Wir sollten nie vergessen, dass es auf unserer Reise immer wieder Regen und Sonnenschein, Kälte und Wärme, Sturm und Windböen geben kann. Schwierige Zeiten und Verzweiflung werden von einer Periode der Leichtigkeit und Hoffnung abgelöst werden. Kein einziger Moment auf der Reise, ganz gleich ob gut oder schlecht, sollte als Absolut betrachtet werden. Alles wird ein Ende finden und unsere Reise wird uns neue Möglichkeiten bieten. Unsere Köpfe und Herzen müssen gemeinsam mit dem Rhythmus und der Natur der Reise voranschreiten. Am nächsten Morgen wird die Sonne wieder aufgehen.
Das ultimative Ziel aller Reisen ist es, die Bedeutung jenseits der Form zu erreichen. Es ist, die wesentliche, dauerhafte Wirklichkeit über die flüchtigen Bilder und Wünsche dieser kurzlebigen Welt zu erreichen. Ganz gleich ob wir einem steilen Berg, einer Klippe oder einer herzzerreißenden Oase gegenübersehen, wir müssen unsere Bindung am stärksten mit der Wahrheit erhalten, die unseren Reise mit Sinn und Zweck erfüllt. Nur dann werden wir nicht von den unangenehmen Überraschungen und Versuchungen der Reise ablenkt oder hingerissen werden.
Auf dem Weg zu schreiten, lehrt uns, über das "Selbst" hinauszugehen und uns dem "Anderen" zu öffnen. Es muss erwähnt werden, dass, obwohl wir als Individuen für unser Handeln verantwortlich sind, wir nicht alleine auf dieser Welt sind. Wir werden von anderen Gefährten auf unserer Reise begleitet. Wir können als Zeichen des guten Willens mit ihnen zusammenarbeiten, mit ihnen reden, von ihnen lernen und ihnen helfen. Durch das Erreichen des "Anderen" bereichern wir uns.
Das Reisen ist aber nicht nur eine zweispurige Straße zwischen dem Selbst und dem Anderen. Es ist auch eine Übung in der Verwirklichung der Gegenwart des "Jenseits", welche die Beziehung zwischen dem Selbst und dem Anderen trägt. Dieses "Jenseits" ist die Realität hinter allen Realitäten. Es ist das, was uns den Sinn des Wunders gibt, das Leben als Geschenk zu sehen. Es ist das, was uns dankbar für alles, was wir haben, macht. 

Wie Schabestari einst zu sagen pflegte, “die Reise des Pilgers besteht aus zwei Schritten und nicht mehr. Beim ersten geht man über sich selbst hinaus und beim zweiten nähert man sich dem Freund".
Der Koran fasst dies in einem schönen Gebet zusammen: "Und zu dir ist das Ende aller Reisen." (al-Baqara 285) 

Die Reise, die wir mit unseren Köpfen und Herzen unternehmen, ist eine, die auch mit Wunder, Gnade und Gebet erfüllt ist.
Was für ein wundervolles Geschenk ist es, auf einer Reise zu sein, um die erstaunlichen Segnungen der Reise zu entdecken, wer wir sind und wo wir hingehen sollten.


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