Aus der Perspektive der Türkei (2017-34)

Nach DAESH: Nahe Zukunft in Syrien und im Irak.

Aus der Perspektive der Türkei (2017-34)

           

            Die von der internationalen Koalition gemeinsam mit den irakischen Sicherheitskräften am 17. Oktober 2016 eingeleitete Operation ist am 9. Juli 2017 abgeschlossenen worden. In der nächsten Phase werden voraussichtlich Operationen eingeleitet, um die verbliebenen Orte von DAESH zu befreien, wie zum Beispiel Tal Afar. Im Irak setzen die Akteure, die in der Zeit nach DAESH gleich politisch und administrativ einflussreich sein wollen, ihre Bemühungen um eine aussichtsreiche Position und einen Vorteil fort. An diesem Punkt wird die eventuelle Position der Schiiten, Sunniten, Kurden und Turkmenen die irakische Zukunft strukturieren. In Syrien hingegen werden Entscheidungen getroffen, welcher Akteur nach Verhandlungen und Vereinbarungen zwischen den ausländischen Akteuren in welche Richtung voranschreiten wird. Deshalb wird die Zukunft Syriens zunächst durch die Haltung der regionalen und globalen Mächte bestimmt werden.

          Der Kampf gegen DAESH hat im Irak vor allem zwei Akteure in den Vordergrund gestellt und ihnen Vorteile verschaffen. Die intensiven Aktivitäten von DAESH in vor allem von Sunniten bewohnten Gebieten haben eine Grundlage dafür vorbereitet, dass die schiitischen und kurdischen Identitäten im Irak in den Vordergrund kamen. In Syrien hingegen haben die Regimetruppen in den vergangenen Monaten nennenswerte Fortschritte verzeichnet. Dabei hat der Astana-Prozess eine bedeutende Rolle gespielt. Der von der Türkei, Russland und dem Iran eingeleitete Astana-Prozess hat zudem zur Unterzeichnung des Abkommens über Sicherheitszonen geführt. In vier von syrischen Oppositionellen kontrollieren Regionen wurde eine Waffenruhe ausgerufen.

          Der Einflussgewinn der Kurden und Schiiten im Irak hat vor allem die Sunniten und Turkmenen negativ beeinflusst. Wegen DAESH sind die Sunniten im Irak zum Sündenbock geworden. Die Turkmenen hingegen, die in allen Regionen des Iraks leben, sind zum leichten Ziel geworden. Die Gefechte im Rahmen des Kampfes gegen DAESH werden hauptsächlich in den Gebieten geführt, in denen Turkmenen leben. Dies setzte die Turkmenen ins Zentrum der Gefechte. Nach DAESH werden Turkmenen-Gebiete wie Tal Afar, Tuzhurmatu Kirkuk, Celevle Schauplatz von Herrschaftskämpfen.   

          In jüngster Zeit ist Idlib als Kampfgebiet in Syrien an die Tagesordnung getreten. Mit dem Astana-Prozess haben zwischen den Oppositionellen in Idlib Spannungen begonnen. Zwischen Gruppen der Freien Syrische Armee, die den Astana-Prozess akzeptierten und sich an die Waffenruhe halten sowie dem Lager unter Al-Nusra, das den Astana-Prozess als Verrat bewertet, haben sich die Spannungen in bewaffnete Kämpfe umgewandelt. Eines der wichtigen Ziele der Astana-Verhandlungen war es, einen Unterschied zwischen radikalen und gemäßigten Oppositionsgruppen zu schaffen und die Radikalen zu eliminieren. Der Astana-Prozess hat von sich aus die Front in Idlib konkretisiert.

          Nach der Erklärung der Türkei über eine mögliche Stationierung von türkischen Soldaten in Idlib haben Gruppen mit Verbindungen zu Al-Nusra reagiert und strategisch wichtige Regionen der Ortschaft erobert. Diese Entwicklung führte zu dem Anschein nach einem Emirat unter Al-Nusra Kontrolle. Von diesem Bild, das nicht die Realität widerspiegelt, sind bis auf die Türkei alle Akteure zufrieden. Wenn die Türkei nichts unternimmt, wird ein möglicher Eingriff der ausländischen Mächte gegen Idlib für die Türkei zu einer sehr ernsten Bedrohung führen. Bei einem Eingriff aus dem Ausland werden die 2,5 Millionen Zivilisten in der Region um Idlib in Richtung Türkei flüchten. Dabei besteht das Risiko, dass sich radikale Kämpfer unter diese Flüchtlinge mischen, die ebenfalls Idlib verlassen werden. Aber die mögliche Stationierung von ausländischen Truppen an der Grenze zwischen der Türkei und Idlib wäre ein noch größeres Risiko.

          Die Türkei positioniert sich schon länger so, dass die gemäßigten Oppositionellen in Idlib Einfluss gewinnen. Aber die gemäßigten Oppositionellen sind derzeit nicht stark genug, um Al-Nusra aus Idlib vertreiben zu können. Die Türkei muss so rasch wie möglich die Behauptung aufheben, wonach Idlib ein „Al-Nusra-Emirat“ sein soll. Ansonsten besteht unter dem Vorwand des Kampfes gegen Al-Nusra das Risiko nach einer Stationierung von ausländischen Truppen an der Grenze.

          Im Gegensatz zu den Erwartungen führt der Kampf gegen DAESH im Irak und in Syrien zur Zersetzung und intensiviert und vertieft die Konflikte sowie Gefechte. Auch wenn DAESH ein Faktor für Kämpfe ist, werden bis zur Herstellung des Gleichgewichts die unterschiedlichen Gefechtsdynamiken in den verschiedenen Regionen die Tagesordnung im Irak und in Syrien bestimmen. Sollte zwischen den unterschiedlichen ethnischen und konfessionellen Gruppen kein Gleichgewicht geschaffen werden, werden sich die politischen und militärischen Konfliktdynamiken gegenseitig provozieren und zu einer unkontrollierbaren Atmosphäre im Irak und in Syrien führen.  



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