Aus der Perspektive der Türkei (2017-26)

Raqqa und Deys Ez Zor: Die Dimension des Syrien-Kriegs weitet sich aus.

Aus der Perspektive der Türkei (2017-26)

              Durch diese beiden Vorfälle im Osten Syriens besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Syrien-Krise mit neuen Dimensionen noch weiter vertiefen wird. Am 18. Juni wurde ein Kampfjet vom Typ Su-22 der syrischen Luftwaffe kurz nach dem Einsatz im Tabka-Gebiet bei Raqqa von einem US-Kampfjet vom Typ F-18 abgeschossen. Die USA begründeten den Abschuss damit, dass das syrische Flugzeug die Stellungen der Syrisch Demokratischen Kräfte bombardierte, die von Washington unterstützt werden. Bei weiteren Angriffen gegen Kräfte, die von den USA unterstützt werden, werde es die gleiche Vergeltung geben, erklärten die USA weiter. Auf der anderen Seite leitete der Iran gegen DEASH-Elemente in Deys Ez Zor einen Raketenangriff ein. Die Raketen wurden aus dem Westen Irans abgeschossen, überquerten den Irak und zerstörten die Ziele in 600 Kilometer Entfernung. Dieser Angriff ist ein wichtiges Zeichen für den aktuellen Stand der iranischen ballistischen Raketentechnologie.

            Russland hat auf den Abschuss des Flugzeugs des Assad-Regimes durch die USA scharf reagiert. Die Vereinbarung über Informationsaustausch wurde von Moskau aufgesetzt. Dies gilt aber nicht für ganz Syrien, sondern beschränkt sich auf den Westen des Euphrat. Hier sollen alle Aktivitäten der USA und Verbündeten als militärische Ziele beobachtet werden. Somit hat Russland den USA die Botschaft gegeben, dass bei einem möglichen Übergriff auf den Westen des Euphrat durch die Syrisch Demokratischen Kräfte, die hauptsächlich aus Mitgliedern des syrischen Ablegers der Terrororganisation PKK, PYD/YPG bestehen, bombardiert werden können.

            Zur Erinnerung: Diesbezüglich hatte die Türkei die USA mehrmals gewarnt. Schon vor mehr als einem Jahr hatte die Türkei den USA mitgeteilt, dass YPG den Westen des Euphrat nicht betreten darf. Diesbezüglich hatte der ehemalige US-Außenminister John Kerry sein Wort gegeben, was aber leider nicht eingehalten wurde.    

            Der Bürgerkrieg in Syrien führt zu gefährlichen Kontakten und schürt Feindschaften zwischen Ländern, die tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Deshalb hat der syrische Bürgerkrieg einen kritischen Punkt erreicht, an dem der Funke für eine regionale Kettenreaktion gezündet werden könnte. Die im Norden Syriens unter Führung der USA anhaltende Operation ist bis in die Nähe von Raqqa vorangeschritten. Auch die Truppen des Assad-Regimes haben sich Raqqa genähert. In der Umgebung von Al-Tanf im Süden und entlang der jordanischen Grenze sind weitere kritische Kontaktfronten entstanden.

            Im Westen Syriens haben sich die Gefechte teilweise verringert. Aber in Raqqa sowie in den von DAESH kontrollierten Gebieten im Osten und Süden hat sich der Krieg intensiviert. In Raqqa und Deys Ez Zor befinden sich reiche Bodenschätze. Ferner haben diese Provinzen wegen ihrer geographischen Nähe zur Türkei und zum Irak auch eine strategische Bedeutung. Deshalb ist es sehr wichtig, wer nach dem Kriegsende im Osten und der Eroberung der von DAESH kontrollierten Gebiete die Machtlücke füllen wird. Dies wird gleichzeitig auch die Zukunft Syriens beeinflussen.

           Es ist ein sehr wichtiger Punkt, wer die Machtlücke nach DEASH im Osten Syriens füllen wird. Bei der Planung der Zeit nach den Kampfhandlungen verbirgt die zu rasche Vertreibung von DAESH aus der Region verschiedene Risiken. Dies könnte dazu führen, dass sich das DAESH-Terrornetz umwandelt und aus DAESH neue Terrororganisationen entstehen. Die militärischen Erfolge gegen DAESH sowie die Tötung einiger Anführer wird international begrüßt. Es wird befürchtet, dass es nach DAESH zwischen iranisch-schiitischen paramilitärischen Milizen und PKK-Terroristen einen Konflikt um das DAESH-Erbe in der Region geben könnte. An diesem Punkt könnten sich die USA, die PYD/YPG/PKK unterstützten, als eine Partei eines unerwünschten Konfliktes vorfinden. Das könnte dann der hohe Preis dafür sei, trotz der Warnungen der Türkei, außerhalb der Nato-Prinzipien PYD/YPG/PKK unterstützt zu haben.

          Letztendlich ist der syrische Bürgerkrieg sowohl im Norden als auch im Süden Syriens in eine neue Phase getreten. Mögliche Eskalationen in dieser neuen Phase beherbergen einige große Risiken. Fehlerhafte Kalkulationen auf Operationsebene können zu großen Konflikten führen. Unter den Verbrechen gegen die Menschheit des Assad-Regimes und dessen Verbündeten sowie den blutigen Terroranschläge der Terrororganisationen wie DAESH und PKK haben Syrien und das syrische Volk schwer gelitten. Wenn die Fehler fortgesetzt werden sollten, könnte sich der syrische Bürgerkrieg zu einem regionalen Krieg umwandeln.



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