Türkei-Agenda (2017-18)

Die geistige und seelische Spaltung der islamischen Welt.

Türkei-Agenda (2017-18)

Kommentar von Ibrahim Kalın, dem Sprechers des Staatspräsidiums,

Die muslimische Welt sollte sich vor der Verarmung, in der sie sich befindet, befreien und ihr intellektuelles und moralisches Umfeld von neuem errichten. Einerseits sollte sie sich fest an ihre eigene Tradition und Wurzeln klammern, andererseits sollte sie sich mit einer weiten Perspektive der Welt annähern.

Die muslimische Welt leidet unter Gespaltenheit, Armut und schlechter Verwaltung. Wir begegnen auf der islamischen Geographie, die in der Vergangenheit von Wissenschaftlern Darülislam, also Land des Friedens genannt wurde, einer politischen Gespaltenheit. Bürgerkriege, Streit zwischen Konfessionen und Stämmen, Besetzungen, militärische Eingriffe, erfolglose Staaten, schwache Herrscher, verschwenden die natürlichen und menschlichen Quellen der muslimischen Staaten. Auf der anderen Seite löst die geistige und moralische Gespaltenheit noch mehr Sorge aus als die politische Gespaltenheit.

Muslimische Imperien,  Staaten und Emirate haben von der politischen Ungleichheit und den Machtkämpfen ihren Anteil abbekommen. Aber die Einbildungskraft in der islamischen Geographie vom Balkan bis Afrika, von Afrika bis Nahost sowie bis nach Südostasien war immer stark gewesen. Aber die Teilung der gleichen intellektuellen und geistigen Perspektive war immer die starke Eigenschaft dieser Gemeinde. Das was die muslimische Welt geistig und moralisch miteinander verbindet, hat bereits die ethnischen und konfessionellen Unterschiede überschritten. Die muslimische Welt ist heute gezwungen, diesen Geist wiederzufinden.

Die intellektuelle Perspektive der traditionellen muslimischen Gesellschaften beruhte auf einheitliche gesellschaftliche Einbildungskraft, Gerechtigkeit und Tugend. Ein weiteres Fundament bildet für einige die göttliche Liebe und die Liebe gegenüber dem Anderen. Die göttliche Liebe und die Liebe zueinander, die sich auf Gottes unendliche Gnade und Vergebung stützt, ist eine andere Grundlage dieser Situation. Menschen müssen als Teil ihres Glaubens, Allah, die Natur und andere Menschen lieben. Die Welt wurde den Menschen als ein Erbe überlassen und man erwartet, dass sie dieses Erbe behüten. Diese Weltauffassung argumentierte auch die Vergänglichkeit der Welt und die Wahrscheinlichkeit.

Die Welt, auf der wir leben, steht nicht von selbst aufrecht: Sie ist nicht etwas, die von selbst existiert. Sie existiert deshalb, um einem Ziel zu dienen, um der Menschheit die Möglichkeit, auf dieser Welt Glaube, Gerechtigkeit und Tugend zu gewährleisten. Unsere Menschlichkeit kann nur mit guten Taten und unserem Segen gemessen werden. 

Vom einfachen Bauer und Schuster, bis zu großen Architekten, Wissenschaftlern, Händlern und Staatsmännern, hatte jeder jenseits der Not und Schwierigkeiten der Welt, die Luft der intellektuellen und geistigen Luft der Liebe eingeatmet. Armee, Kriege und Imperien kamen und gingen, aber das moralische Gefüge der muslimischen Gesellschaften war immer gewahrt worden.

Es ist kein Zufall, dass die zwei großen Angriffe, wie der Angriff der Kreuzritter und die mongolische Invasion auf die, von muslimischen Wissenschaftlern produzierten größten Territorien für  Wissenschaft und Kunst verwirklicht wurden. Die Kreuzritter hatten Jerusalem im Jahr 1099 eingenommen und dieses Heilige Land in einer Art und Weise so stark mit Blut befleckt, wie nie zuvor.

Die Mongolen haben alles zerstört, was ihnen auf dem Weg stand und in 1258 auf den Straßen von Bagdad tagelang Blut vergossen und das einst mächtige Abbasidenreich vernichtet.

Der politische Krieg zwischen Muslimen hat während dem 12. und 13. Jahrhundert, sowie danach fast ununterbrochen stattgefunden. Aber keiner davon konnte die Entstehung und Entwicklung einer langen Liste von muslimischen Gelehrten in allen Bereichen der intellektuellen und der Geisteswissenschaften verhindern.

Imam Ghazali, Fahri al-Din al-Razi, al-Suyuti, Ibn Sina, Ibn Rushd, Ibn Hazm, Ibn Tufayl, Ibn Bajjah, Rumi, Ibn Arabi, Suhraw, al-Biruni, al Nasser- Ibn Khaldun und andere, bauten trotz der politischen und militärischen Turbulenzen, in ihrem Umfeld eine universelle Zivilisation.

Groß angelegte politische Konflikte und militärische Auseinandersetzungen haben sowohl für einfache Bürger, als auch für wissenschaftliche und künstlerische Gemeinschaften Folgen gehabt. Aber die geistige Trägheit und der moralische Konformismus war nie eine Entschuldigung um es zu rechtfertigen.

Ganz im Gegenteil haben die Intellektuellen und geistlichen Führer diese Krisen zu Chancen verwandelt. Für die Produktion ihrer Werke haben sie nicht darauf gewartet, dass die politischen und militärischen Krisen gelöst werden. 
Im Gegenteil haben der Widerstand und die Kontinuität der dauerhaften Arbeiten dazu beigetragen, den politischen Konflikt auf langer Sicht zu lösen. Es ist richtig, dass muslimische Philosophen, Wissenschaftler und Künstler über eine  eigene Meinung, Meinungsverschiedenheiten und Debatten verfügen.
Allerdings verfügten sie auch über soziale Gedanken und intellektuelle Perspektiven,  die seit Jahrhunderten die soziale, wissenschaftliche und künstlerische Tradition verewigten. Sie arbeiteten in einer Atmosphäre, die auf dem Prinzip „Einheit in der Vielfalt“ beruhte. Sie hatten die Ansicht verteidigt, dass diese Einheit keine Einheitlichkeit und die Vielfältigkeit kein Chaos ist. 
Wir wissen, dass die Einheit und Gesamtheit dieser intellektuellen und geistigen Sichtweisen in der muslimischen Welt heute nicht mehr existiert. Muslimische Intellektuelle fühlen weder eine volle Gebundenheit an ihre eigenen Traditionen, noch konnten sie den modernen Säkularismus als Auffassung der modernen Weltordnung verdauen. Sie schwanken zwischen einer strahlenden Vergangenheit, einer Gegenwart mit Konflikten und einer ungewissen Zukunft. 
Die sich auf paradoxer und tragischer Weise und gegenseitig globalisierende Welt macht unsere nationalen, kulturellen und konfessionellen Identitäten und unsere Reaktionen undeutlich. Die Folgen sind, eine schwere geistige und seelische Spaltung: Sie vertiefen die Differenzen, Distanz, und Verfremdung und verursachen endlose Auseinandersetzungen.  Muslime müssen die Welt der Armut und den Fall des geistigen Lebens befreien, um das Gebiet wieder aufzubauen zu können. 
Die muslimische Welt sollte von dieser Verarmung befreit und der intellektuelle und moralische Lebensbereich wieder hergestellt werden. Die politische Differenz kann nur dann überwunden werden, indem wir auf der Welt, auf der wir leben, gemeinsame Prinzipien finden.


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