Aus der Perspektive der Türkei (2017-11)

S-400-Raketen und die Suche der Türkei nach einem nationalen Verteidigungssystem.

Aus der Perspektive der Türkei (2017-11)

           Mit ihren militärischen und diplomatischen Vorstößen festigt die Türkei ihre Position als Regionalmacht. Langfristig schreitet sie auf dem Weg zur Globalmacht voran. Um diesen Vormarsch zu beschleunigen arbeitet die Türkei seit geraumer Zeit daran, ihre Verteidigungsindustrie zu stärken und zu nationalisieren.

          Der Bürgerkrieg in Syrien sowie die Existenz von Terrororganisationen wie DAESH und PKK in Syrien sowie im Irak führten dazu, dass die Türkei ihre diesbezüglichen Bemühungen und Aktivitäten intensiviert hat. Angesichts der hohen Risiken in der Nachbargeographie sind verschiedene Maßnahmen gegen Raketensysteme und chemische Waffen für die Türkei ein Muss. Die Irak- und Syrien-Politik der Türkei wird vorrangig unter Betracht dieser Bedenken bestimmt. Die Revision in der Syrien-Politik, die Haltung gegen die USA im Zusammenhang mit PYD-YPG und die Bestreben für eine Zusammenarbeit mit Russland beruhen auf diesen Bedenken.

          Im Zusammenhang mit Syrien hatte sich die Obama-Administration gegen die Türkei und für PKK-PYD-YPG entschieden. Die Einstellung der Trump-Administration hingegen ist weiterhin nicht eindeutig. Die Vorstöße der Türkei, mit Russland die wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit auszubauen, sind hauptsächlich auf diese Einstellung der USA zurückzuführen.   

          Obwohl das Nato-Mitglied Türkei unter einer Bedrohung von Raketenangriffen stand, wurden die Patriot-Raketenabwehrsysteme von der Nato viel zu spät in der Türkei aufgestellt. Bis auf Spanien wurden die Abwehrsysteme bei der ersten Gelegenheit von den übrigen Nato-Ländern wieder mitgenommen. Die Terrororganisation PKK-PYD-YPG sind gegenwärtig im Besitz von Waffen aus Nato-Inventar. Die Terroristen verwendeten zudem bei dem Terroranschlag in Istanbul Sprengstoff aus dem Nato-Inventar. Dem Putschversuch der Terrororganisation FETÖ am 15. Juli sah der Westen tatenlos zu. All diese Ereignisse führten dazu, dass die Türkei nach Alternativen suchen musste.

          Bis Anfang der 20er Jahren war das Nike Hercules System die Luftverteidigung der Türkei mit der größten Reichweite. Dieses System war gegen die schwerfälligen sowjetischen Bomberflugzeuge effektiv. Aber gegen die aktuellen Bedrohungen ist dieses System unzureichend.  Deshalb musste die Türkei während der beiden Irak-Kriege sowie der Syrien-Krise von der Nato Hilfe anfordern. Die Nato stationierte in der Türkei zwar Patriot-Batterien, aber dies war eine unzureichende und vorrübergehende Lösung.

          Um dieses Problem zu lösen fand im Rahmen des Projekts für eine Langstrecken-Luftverteidigung eine Ausschreibung statt. An der Ausschreibung nahmen Rüstungsunternehmen aus den USA, Russland, China und ein französisch-italienisches Konsortium teil. Die Kriterien wie geringe Kosten, gemeinsame Produktion, Teilen der Technologie und schnelle Lieferung erfüllten an erster Stelle das chinesische Unternehmen, gefolgt vom französisch-italienischen Konsortium. Das US-Unternehmen sagte einer gemeinsamen Produktion und einer Teilung der Technologie nicht zu. Zwischen der Türkei und dem chinesischen Unternehmen begannen Verhandlungen. Aber ein mögliches Abkommen mit dem Unternehmen aus dem Nicht-Nato-Mitglied China stieß auf Reaktionen der USA und Nato. Zudem stand das Unternehmen auf der Sanktionen-Liste der USA. Nach dem Scheitern der Verhandlungen annullierte die Türkei die Ausschreibung.

          Das russische Unternehmen senkte den Preis und die Normalisierung der türkisch-russischen Beziehungen sowie die ausgebliebene Unterstützung der westlichen Verbündeten bei kritischen Themen waren Gründe dafür, dass derzeit die russischen S-400-Raketensysteme für die Türkei die erste Alternative darstellen.

           Die S-400-Wahl der Türkei wird höchstwahrscheinlich auf Reaktionen der Nato führen. Die Nato wird es nicht zulassen, dass das S-400-System mit dem eigenen System integriert wird. In diesem Fall könnte die Türkei die S-400 unabhängig vom Nato-System stationieren. Aber in erster Phase sind Probleme zwischen der Türkei und Nato vorprogrammiert, weil der ganze Luftverteidigungsprozess und die Verteidigungsstruktur mit der Nato integriert sind. Wenn die Nato und die USA unzufrieden von der Suche der Türkei nach Alternativen sind, dann müssen sie die Bedenken der Türkei zur Schaffung eines Kräftegleichgewichts in der Region verstehen und mit der Türkei kooperieren.

          Die Luftverteidigung ist eine Struktur, die aus mehreren miteinander verflochtenen Schichten besteht. Deshalb ist kein System allein eine absolute Lösung und kann keine undurchdringliche Schutzwand bilden. Die Luftverteidigung ist mit Drohnen, Hubschraubern, Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern, Raketen gegen ballistische Raketen und entsprechende Wahrnehmungssysteme ein Ganzes. Ein starkes und nationales Luftverteidigungssystem der Türkei wird auch für die Ruhe und Sicherheit in der Region ein sehr wichtiger Vorstoß sein.  



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