Türkei-Panorama 2017-07

Sollen wir den Ausdruck „Christlicher Terrorismus" benutzen?

Türkei-Panorama 2017-07

Ein Kommentar des ehemaligen Kriegsreporters Erdal Şimşek.

 

„Islamistischer Terror“ war der Ausdruck, den Frau Merkel in einer Pressekonferenz zusammen mit Staatspräsident Erdoğan während ihres offiziellen Türkei-Besuchs benutzte. Der Ausdruck hatte in der Türkei für Diskussion gesorgt. Frau Merkel bezeichnete die Terrormiliz IS, deren führender Stab gänzlich aus EU- und US-Bürgern besteht, als „islamistischen Terror“. Erdoğan lehnte diesen Ausdruck sofort ab und sagte, so wie man die christlichen Fanatiker, die Muslime ermorden, nicht als „Christliche Terroristen“ bezeichnen könne, dürfe man auch den Ausdruck „Islamistischer Terror“ nicht benutzen.

Ein Großteil der Staats- und Regierungschefs Europas benutzt trotz allen Einwänden weiterhin diesen Ausdruck. Wobei in letzter Zeit auf Muslime und deren Gebetshäuser in Europa und den USA sowie in den mehrheitlich christlich geprägten Ländern zahlreiche Angriffe verübt werden, allen voran in Deutschland, Kanada, den USA und skandinavischen Ländern.

Neulich wurden bei einem Anschlag auf eine Moschee im kanadischen Quebec zehn Muslime getötet. Wenn man sich die Postings der Angreifer in den sozialen Medien ansieht, merkt man sofort, dass sie den Kreuzrittern nacheifern und selbst fanatische Christen sind.

Als der ehemalige US-Präsident George W. Bush den zweiten Golfkrieg und die Besetzung Afghanistans für begonnen erklärte, hatte er sich christlicher Symbole bedient. Während seiner gesamten Rede machte er das Trinity-Zeichen und erklärte den „heiligen Kreuzzug für begonnen“.

Auch in Deutschland gab es Angriffe auf Türken z.B. in Solingen und zuletzt zahlreiche terroristische Handlungen, auch bekannt unter dem Namen „Döner-Morde“. Auch Anders Behring Breivik, der dutzende Zivilisten ermordete, hatte vor Gericht betont, dass er ein fanatischer Christ sei. Wenn man einen Blick in die Geschichte wirft, sieht man, dass die Christen in Anatolien vor der Verfolgung durch das oströmische Reich flohen und Zuflucht bei den Seldschuken fanden. Diese öffneten ihnen die Tore Anatoliens und nahmen sie alle auf.

Auch im Zusammenhang mit der Eroberung Istanbuls durch die Türken begegnen wir einem ähnlichen Bild. Am Rande des Kriegs mit den Türken hatte der Kaiser religiöse Einrichtungen, insbesondere Roms katholische Armeen zu Hilfe gerufen. Da jedoch in der Geschichte der Orthodoxen die Katholiken überall da, wo sie Fuß fassten, immer Blut gossen, stellte sich die Orthodoxe Kirche in Fener in Istanbul gegen diese Forderung des Kaisers. Tatsächlich hatten die Kreuzfahrer auf ihrem Weg nach Jerusalem das damalige Konstantinopel geplündert, die Frauen vergewaltigt und zahlreiche Ost-Römer niedergemetzelt. Die Antwort der orthodoxen Geistlichen auf den Kaiser, der die katholische Welt um Hilfe gebeten hatte, war: „Es ist besser mitten in der Stadt den türkischen Turban herrschen zu sehen als die lateinische Tiara.“

Jeder weiß genau, dass der türkische Turban ein Symbol der Gerechtigkeit ist. Wäre dem nicht so, gäbe es jetzt in Istanbul, das seit Jahrhunderten von den Türken regiert wird, weder Kirchen noch Kapellen.

Noch ein Beispiel aus dem Westen: Richard Löwenherz führte das Heer der Kreuzfahrer bei der Eroberung Jerusalems. Er nahm jedoch eine herbe Niederlage vor Sultan Saladin hin und schloss einen Waffenstillstand mit ihm. Dieser ließ nicht nur sämtliche Kreuzritter und Soldaten wieder frei, die er gefangengenommen hatte, sondern gab den Kreuzfahrern Lebensmitteln und Hygiene-Artikel mit auf ihren Rückweg in ihre Heimat. Solche Beispiele der Menschlichkeit kommen in der Geschichte selten vor.

Auf ihrem Rückweg nach Europa kamen die von Saladin begnadigten Kreuzfahrer in Kayseri an. Kayseri war damals eine byzantinische Handelsstadt, deren Bevölkerung überwiegend aus Juden bestand. Richard Löwenherz ließ hier 45.000 Juden ermorden, weil sie ihm angeblich nicht geholfen hatten. Dieses Massaker als christlich zu bezeichnen kann keineswegs der Fall sein. Keine Religion kann den Terror als legitim betrachten oder ihn befördern. Die religiöse Identität eines Menschen kann nicht als Grund des Verbrechens oder als Verbrechen an sich betrachtet werden.



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