Aus der Perspektive der Türkei (2017-05)

Astana und Genf: Welche Strategie müssen Syrien-Turkmenen verfolgen?

Aus der Perspektive der Türkei (2017-05)

          Die Genf- und Wien-Prozesse hatten Anfang 2016 Hoffnung auf eine neue Ära in Syrien erweckt. Aber die Hoffnung ist sehr schnell erlöschen. In 2017 fanden auf Vorstoß von Russland und der Türkei in der kasachischen Hauptstadt Astana Friedensverhandlungen für Syrien statt. Den Verhandlungen in Astana werden weitere in Genf folgen. Die Syrien-Turkmenen wurden in Astana vom Syrien-Turkmenen-Rat vertreten. Wir wollen in dieser Folge die künftige Strategie der Syrien Turkmenen erläutern. 

          Die Syrien-Turkmenen leben seit dem 7. Jahrhundert in dem Gebiet. Der Lebensraum umfasst ein breites Territorium. In Aleppo, Latakia-Iblid, Homs, Hama, Tartus, Raqqa, Dera, Damaskus und Golan leben Turkmenen. Die Turkmenen kämpfen seit Jahrhunderten für ihre Territorien, auf denen sie Leben und für ihre Identität.

          In Syrien begann der Kampf der Turkmenen mit dem Aufstand in 2011 gegen den Staatsterror des Assad-Regimes. Seit 2011 haben das Assad-Regime die turkmenischen Siedlungsgebiete in Aleppo sowie Latakia-Iblid mehrmals bombardiert. Dabei wurden mehr als 100.000 Turkmenen getötet. Tausende weitere gelten als vermisst und befinden sich in Haft.

          Die Turkmenen haben seit 2011 gegen die Terrororganisationen DAESH, PKK/YPG sowie das Assad-Regime und dessen Verbündete gekämpft. Die Turkmenen haben seit Jahrhunderten als ein separates Volk die Existenz in Syrien fortgesetzt. In Syrien leben etwa 1,5 Millionen türkisch-sprechende Turkmenen.  Mit den Turkmenen, die Türkisch verlernt haben, beträgt diese Zahl etwa drei Millionen. Die Turkmenen-Existenz wird sowohl in den osmanischen Archiven als auch den Archiven aus der französischen Mandatszeit bestätigt. Die Turkmenen sind seit Jahren Menschenrechtsverletzungen und Massakern ausgesetzt, müssen auf die kulturellen Rechte verzichten. Deshalb muss die internationale Gemeinschaft endlich reagieren.

          Um dieses Ziel zu erreichen ist es wichtig, dass die Angelegenheit im Zusammenhang mit den Turkmenen in Syrien „internationalisiert“ wird. Zunächst muss die internationale Öffentlichkeit erfahren, dass in Syrien auch ein separates Volk also die Turkmenen leben. Denn die Turkmenen sind Menschenrechtsverletzungen sowie Massakern ausgesetzt und müssen auf ihre kulturellen Rechte verzichten. Diese Tatsache muss unbedingt der internationalen Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.  

          An dieser Stelle wird es nützlich sein, die Angelegenheit auch aus der Perspektive des internationalen Rechts zu betrachten. Diesbezüglich wurde in den Verträgen von Ankara in 1921, von Lausanne in 1923 und dem türkisch-französischen Abkommen in 1939 den Syrien-Turkmenen kein Status vorgesehen. Dies hängt damit zusammen, dass die Syrien-Turkmenen als eine Minderheit mit religiösem Hintergrund betrachtet wurden, die in einem mehrheitlich von Muslimen bewohnten Land leben. Deshalb besitzen die Syrien-Turkmenen keinen eigenen rechtlichen Status. Das vorrangige Ziel der Syrien-Turkmenen muss deshalb sein, endlich einen rechtlichen Status in Syrien zu erhalten. Hierfür müssen die Syrien-Turkmenen als separater Akteur, als ein Element, das Syrien bildet und außerhalb des vorhandenen Schirms am Verhandlungstisch vertreten sein. Wenn dadurch ein Gewinn erzielt werden sollte, könnte dies auch zum Vorbild für die Irak-Turkmenen werden.

          Die Syrien-Turkmenen sind demokratisch, laizistisch, modern, haben keine Probleme mit dem Westen oder den Werten des Westens und respektieren die anderen ethnisch-religiösen Elementen in der Region. Diese Eigenschaften der Syrien-Turkmenen müssen in kurzer Zeit der internationalen Öffentlichkeit erklärt und gezeigt werden. Dann werden die Syrien-Turkmenen, die im Vergleich zu den anderen Elementen in Syrien westlich-laizistische Akteure sind, auch das Interesse der westlichen Öffentlichkeit erwecken. 

          Für die Gewinnung eines rechtlichen Status sind zudem die osmanischen Archive sowie das Archiv aus der französischen Mandatszeit für die Syrien-Turkmenen von großer Bedeutung. Die Dokumente in den Archiven müssen erforscht, veröffentlicht und unbedingt mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Ein entsprechendes Projekt könnte hierfür von großem Nutzen sein.

          Langfristige Gewinne möglicher Schritte im Zusammenhang mit den Syrien-Turkmenen hängen von der Stabilität des rechtlichen Status ab. Für den rechtlichen Status kann das in 2014 den Krimtataren in der Ukraine anerkannte verfassungsmäßige Recht „regionaler Volksstatus“ als Beispiel dienen. Weitere Vorbilder können der Status des Kosovo sein oder der Status der Türken in West-Thrakien und der Status der Nichtmuslime in der Türkei.

          Kurz gesagt kann der rechtliche Status den Syrien-Turkmenen eine Objektivität und Sachlichkeit verleihen. Die derzeitige Lage der Syrien-Turkmenen ist leider genau das Gegenteil davon. Solange die Subjektivität anhält, wird sich außer der Türkei niemand um die Turkmenen kümmern und ihnen auch keine Aufmerksamkeit schenken. Egal was auch geschehen sollte, vorrangiges Ziel der Turkmenen muss es sein, einen rechtlichen Status zu erhalten. Ein entsprechendes Dokument wird später als ein fester Beweis bleiben, auch wenn die Zeilen verwischt sind. 



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