Auf dieser Welt aber nicht von dieser Welt

Der Artikel des Sprechers des Staatspräsidiums Ibrahim Kalin in DailySabah am 01.08.2017

Auf dieser Welt aber nicht von dieser Welt

Cumhurbaşkanlığı Sözcüsü Sn. İbrahim KALIN’ın DailySabah gazetesinde yayınlanan 01.08.2017 tarihli makalesidir.

Auf dieser Welt aber nicht von dieser Welt

Die intellektuelle und moralische Herausforderung, der wir ausgesetzt sind, ist folgendes: “Auf dieser Welt, aber nicht von dieser Welt sein. In der Welt in einer Weise zu leben, so dass man weder ihre Existenz leugnet noch sich ihr ergibt. Im Endeffekt ist unser Hauptziel auf dieser Welt, ohne den eigentlichen Sinn und Zweck vor den Augen zu verlieren, das Leben in vollen Zügen zu genießen. 

Eine der Kritikpunkte, die von den westlichen Geistlichen und Orientalisten gegen den Islam gerichtet wird, ist, dass vergleichen mit dem Christentum der Islam zu irdisch ist. Die christlichen Kritiker sehen den Propheten Mohammed im Gegensatz zu Jesus Christus zu sehr in gesellschaftliche und politische Angelegenheiten verwickelt. Darüber hinaus machen sie den Vorwurf, dass der Islam keine Religion, sondern eine Ideologie ist. Diese Behauptungen beruhen auf falsche Vorstellungen und auf falsche Vergleiche. Der Islam leugnet die Existenz der Welt nicht, nimmt jedoch eine Haltung ein, die nicht zu sehr an der Welt hängt. Hierbei ist es wichtig, ohne der Welt abgöttisch zu dienen, ein sinnvolles Leben zu führen. Es erfordert  Intelligenz, Weisheit und Talent, um die Dinge so tief ernst und wertvoll in ihrem eigenen Element zu behandeln, aber sie schließlich als klein und unbedeutend im Hinblick auf Gottes Schöpfungsplan und unseren Platz darin zu sehen. Die Welt ist ein Schleier und Spielzeug; Kein Mensch sollte sich darin verirren. Die menschliche Intelligenz und Würde ist weit über der Vergänglichkeit dieser Welt.  Aber als Gottes Kunstwerk enthüllt die Welt auch Seine Größe, Design und Barmherzigkeit.

Die Welt dient anstelle von physischen und materiellen Werten einer noch besonderen hohen Wertschätzung. Die Welt mag die Quelle für Schmerzen, Kummer und Gewalt sein, aber auf der anderen Seite ist sie die Quelle der Weisheit, Liebe, Freundschaft, der Barmherzigkeit und des Mitleids. Und das sollte uns immer die Frage in Erwägung bringen, wie wir seriös und sinnvoll leben können, ohne uns den Leidenschaften der Welt zu ergeben? Das ist nicht nur eine konzeptionelle Frage, sondern sie gestaltet auch die Tatsache, in welcher Interaktion wir uns mit der Welt befinden. Die Wege, wie man die Welt aufbauen oder zerstören kann, sind jedem bekannt. Die Frage, die sich im Zentrum jeder Zivilisation befindet lautet, dass die moderne Welt nicht weiß, wie sie diese Frage zu beantworten hat. Die klassischen muslimischen Denker und Wissenschaftler haben zwar die physische Realität der Welt ernsthaft in die Hand genommen, aber sie niemals als ein von sich selbst entstehender, selbst bestimmender Besitzer der Welt in Erwägung gebracht. Sie hatten umfangreiche und entwickelte Informationen zur Naturwissenschaft erstellt, die eine detaillierte Analyse der physischen Vorkommen des Universums enthalten.

Allerdings ist die Welt, worauf sie bestanden, keine Realität, die sich nicht selbst erklärt und ihre Existenz nicht von selbst Preis gibt. Sie haben die physische Welt, die sie weltliches Leben nannten, sehr umfangreich untersucht. Diese sensible Definierung kann auch mit der Bezeichnung „irdisches Leben“ besser dargestellt werden. 

 

 „Irdisches Leben“ ist ein Existenz-Raum, mit Prinzipien von guten und bösen Werten, mit physikalischen und mathematischen Prinzipien, in denen materielle Existenzen Leben finden. Die Welt ist nicht nur ein Objekt oder ein „Ort“ an dem Menschen leben. Vor allem ist sie ein moralischer Bereich, ein Kontext von Überzeugungen und Einstellungen, die das Menschsein strukturieren. Unsere Einstellung zum Irdischen gewinnt an gegenseitiger Bedeutung durch die Harmonie zwischen dem Kontext dieses Bereiches und unseres Lebenszwecks.

Deshalb dürfen wir die materielle Existenz der Welt des „irdischen Lebens“ nicht ablehnen und es nicht als moralische und geistige Herausforderung sehen. Von dem Individuum wird erwartet, dass es dem Irdischen auf aufrichtige und glückliche Weise, in Freude gerecht wird. Aber gleichzeitig wird von ihm erwartet, dass er sich an die folgenden Worte vom Propheten Mohammed stets erinnert: Seit ein Fremder auf dieser Welt und bindet euch nicht an sie. Lauft auf dem Pfad und genießt die Schönheiten, aber denkt daran, dass das endgültige Ende nicht hier ist.

Auf der einen Seite sich nicht an das irdische binden, auf der anderen Seite dem Irdischen gerecht werden. Die zweiseitige Anschauung ist eine Weiterführung des Ratschlags des Islam, unter allen Umständen den Mittelweg zu verfolgen und alles Extreme zu meiden. Auf dieser Grundlage hat der Islam eine der beständigsten Zivilisationen der Menschheitsgeschichte errichtet. Muslimische Wissenschaftler, Gelehrte, Künstler, Verwalter, Bauern und andere haben nach Wegen gesucht, in der Ordnung und Schönheit des Irdischen und Universums in Einklang zu funktionieren. Die erzielten großen materiellen und wissenschaftlichen Erfolge haben sie dazu verleitet, dass sie das Materielle und Irdische anbeteten.       

Aber sie haben ihre Wirklichkeit auch nicht in klösterlicher Weise abgelehnt.  Sie sahen die Welt als vergänglich und relativ, versuchten aber sie schöner und gerechter zu machen. Nach dem Koran ist das ganze Universum uns anvertraut worden und derjenige, der mit ihm betraut worden ist, sollte vertrauenswürdig sein. Nur so kann die Welt zu einem sicheren Ort für alle Menschen werden.  

Die intellektuelle und moralische Herausforderung vor uns ist: in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein. In der Welt zu leben, ohne ihre materielle Existenz zu verleugnen und ohne sich ihr zu ergeben, aber ihr gerecht zu sein. Das Leben voll zu genießen und dabei niemals das Endziel in der Welt aus den Augen zu verlieren.

So sind die Vorwürfe, der Islam sei eine irdische Religion, völlig falsch. Der Islam kennt in einem größeren Kontext der Welt ihr Recht an. Der Islam ist keine Religion, die die Welt verleugnet. Das Geheimnis dabei ist: die Gerechtigkeit im wahrsten Sinne zu verstehen und zu praktizieren und „Alles dort hin zu stellen, wo sie hin gehören“. Wenn wir uns und der Welt gegenüber gerecht sind, so ist alles dort, wohin sie gehören.

Wir sollten also in der Welt leben, um ihre niederen Qualitäten zu überwinden und einen Zustand der moralischen und geistigen Vollkommenheit zu erreichen, der als der Zweck dient, für den die Welt geschaffen und uns anvertraut wurde.

Wahrheit, Tugend, Liebe und Glück können in einer echten und dauerhaften Weise nur dann erreicht werden, wenn wir nicht von der Welt abhängig sind und wenn wir dessen bewusst werden, warum wir hier sind.

 



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